Sizilianische Mafia

Aufstand der Ladenbesitzer

Siziliens Hauptstadt Palermo steht für barocke Pracht und überbordende Lebendigkeit, aber auch für die Macht der Mafia. Der Verein «Addiopizzo» stemmt sich dagegen – und führt Reisende an Orte des Widerstands gegen die Clans. Dazu gehört auch die grösste Kirche der Stadt.

Es ist die prächtige Freitreppe des Opernhauses von Palermo, auf der Michael Corleone im Hollywood-Film «Der Pate III» den Leichnam seiner erschossenen Tochter in den Armen hält. Das Attentat am Ende eines Opernabends besiegelt gleichzeitig das Ende der Macht des Mafia-Paten Corleone, gespielt von Al Pacino. Vor der Treppe beginnt darum auch die «No-Mafia-Tour», die Palermo-Stadtführung der Kooperative «Addiopizzo Travel», die sich dem Widerstand gegen die Clans verschrieben hat.

Fabio Conticello, Inhaber der Antica Focacceria San Francesco und Mitglied in der Bewegung «Addiopizzo». (Bild: Keystone/Dagmar Schwelle).

«Addiopizzo» heisst auf Deutsch «Schutzgeld ade». Alle Hotels, Bars, Restaurants bis hin zu Busunternehmen, mit denen «Addiopizzo Travel» zusammenarbeitet, verpflichten sich, kein Schutzgeld zu zahlen.

Während Kutscher vor dem Opernhaus auf Kundschaft warten, klärt Edoardo Zaffuto auf der «No-Mafia-Tour» über die Bedeutung des Theaters für die Bekämpfung der Mafia auf: Nachdem es 1974 wegen Baumängeln provisorisch geschlossen wurde, stand es jahrzehntelang leer. Erst für die Dreharbeiten zum «Paten» wurde es teilweise hergerichtet.

1997 dann öffnete das Teatro Massimo wieder – als Symbol für die politische und kulturelle Wiederauferstehung der vom Einfluss der Clans geprägten Stadt. Claudio Abbado dirigierte die Verdi-Oper «Nabucco». Wegen des Gefangenen-Chors gilt sie auch als Hymne auf die Freiheit. Viele verstanden das als Anspielung auf den Wunsch nach Freiheit von der Macht des organisierten Verbrechens.

Eine breite Bewegung

«Wir räumen mit Klischees über die Mafia und Anti-Mafia-Jäger auf», sagt Zaffuto. Die «Cosa Nostra» sei nicht unbesiegbar und nicht alle Sizilianer seien mafiös. Nicht nur Helden oder solche, die sich als Helden darstellen, lehnten sich mittlerweile gegen die Clans auf, sondern eine breite Bevölkerungsschicht – ohne viel Aufhebens darum zu machen.

Er führt die Touristinnen und Touristen auf seiner Tour nun durch die Prachtstrasse Corso Vittorio Emanuele mit ihren Bars, Restaurants und Läden. An vielen Schaufenstern klebt das Logo von «Addiopizzo». Der Name ist auch hier Programm: Tschüss Schutzgeld.

Das gilt für Souvenir-Läden ebenso wie für Cafés wie das Caffè del Kàssaro. Dessen Besitzer wollten die Clans manipulierte Spielautomaten aufzwingen, wie er erzählt. «Vor drei Jahren verklebten sie mir als Warnung die Schlösser», sagt der Mann, während er eine geeiste Kaffee-Creme serviert. «Aber seit damals habe ich keine Probleme mehr gehabt.»

Juristische Unterstützung für «Addiopizzo»

Als die Vereinigung «Addiopizzo» 2004 gegründet wurde, gehörten ihr 100 Läden und Lokale in Palermo an. Mittlerweile sind es mehr als 1000. «Damit wurde das für die Mafia so wichtige Schweige-Gebot der Omertà gebrochen», sagt Zaffuto. «Bevor sie ihre Läden öffneten, fragten die Betreiber in den 90er Jahren noch, an wen sie zu zahlen hätten.»

Das Logo des Vereins funktioniere heute auch als «Mittel der Abschreckung», sagt Fabrizio Lisciandrello, der in seinem Laden Ledertaschen in alternativem Design fertigt und verkauft. Wenn die Clans Schutzgeld erpressen wollten, machten sie um Geschäfte mit dem Logo eher einen Bogen, da sie dort mit grösserem Widerstand rechnen müssten.

«Uns haben sie anfangs gesagt, wie schön unsere Räder seien und ob sie denn nicht geklaut würden», erzählt Chiara Mini von unterschwelligen Drohungen der Clans. Gemeinsam mit einem Partner betreibt sie einen Fahrradverleih. Sie liess sich nicht einschüchtern. «Addiopizzo» verfügt über ein Netz von Anwälten, die Opfern von Schutzgelderpressung beistehen. Das gibt den Mitgliedern des Vereins Sicherheit.

Erschossene Priester, wegschauende Kirche

Das Reiseunternehmen «Addiopizzo Travel» gründete sich fünf Jahre nach dem Verein. Neben Stadtführungen durch Palermo vermittelt es auch Unterkünfte und bietet mehrtägige Touren durch Sizilien an.

«Touristen müssen die Widersprüche Siziliens kennen», erklärt Palermo-Guide Zaffuto und führt seine Touristengruppe als nächstes in die Kathedrale. Die meisten Reisenden bewundern die Kirche wegen des einzigartigen arabisch-normannischen Baustils, der zum Unesco-Weltkulturerbe gehört, und besichtigen das Grab des Stauferkaisers Friedrich II. Zaffutos Ziel ist das Grab des Priesters Pino Puglisi, der 1993 von der Mafia erschossen wurde.

Die meisten Touristen besuchen die Kathedrale von Palermo wegen ihres Baustils; sie ist aber auch eine Station auf der Anti-Mafia-Tour von «Addiopizzo». (Bild: Keystone/Igor Petyx).

Der Touristenführer berichtet, wie die katholische Kirche bis in die Sechzigerjahre hinein die Macht der Clans toleriert habe. Auf eine Anfrage aus dem vatikanischen Staatssekretariat von 1963, ob es nicht an der Zeit sei, auf den Unterschied zwischen der Mentalität der Mafia und der der Kirche hinzuweisen, habe der damalige Erzbischof von Palermo, Ernesto Ruffini, noch entrüstet reagiert. «Der Kardinal stellte die Mafia als Erfindung der Kommunisten dar», erklärt Zaffuto. Die Kirchenführung änderte ihre Haltung, als Papst Johannes Paul II. 1993 Sizilien besuchte. Die Verurteilung der Mafia durch den polnischen Papst gilt bis heute als Zäsur.

Seit 17 Jahren gibt es «Addiopizzo» mittlerweile. «Wir zeigen, wie Sizilien sich langsam verändert», sagt Zaffuto. «Aber das geht nicht von heute auf morgen.» (epd)