Armut

Eine Krise zu viel

Die anhaltend hohen Flüchtlingszahlen und die steigenden Lebenskosten führen dazu, dass deutlich mehr Menschen in Schweizer Caritas-Märkten einkaufen. Ein Augenschein in der Filiale in Bern.

Daniel Lauper kennt die Lebenssituation seiner Kunden. (Bild: Adrian Moser)

Dort, wo sich im Berner Wohnquartier Mattenhof gewöhnlich eine lange Schlange bildet, warten dieses Mal nur eine Handvoll Personen. Ihre Einkaufstüten und -wägen haben sie neben sich auf dem Asphalt abgestellt. 10 bis 12 Uhr und 14 bis 18.30 Uhr steht auf dem Schild neben dem Eingang zum Caritas-Markt. In wenigen Minuten ist es so weit.

Der Nachmittag ist ruhig – ruhiger, als es die Zahlen vermuten lassen. «Letztes Jahr war sehr anstrengend», sagt Betriebsleiter Daniel Lauper in seinem kleinen Büro, das an die Ladenfläche angrenzt. Im Vergleich zu 2021 hat der Caritas-Markt knapp dreissig Prozent mehr Umsatz erzielt. Damit liegt er etwas über dem schweizweiten Durchschnitt.

Pasta statt Schokolade

Was gewöhnliche Detailhändler freut, bereitet der Caritas Sorgen (ref.ch berichtete). In ihren Märkten bietet sie armutsbetroffenen Menschen Lebensmittel und Hygieneartikel zu vergünstigten Preisen an. «Wir sind ein Spiegel der Gesellschaft», sagt Lauper. Je mehr Umsatz sein Markt erziele, desto grösser sei die Not in der Bevölkerung.

«Es besteht ein gewisses Konfliktpotential.»
Daniel Lauper, Betriebsleiter des Caritas-Markts in Bern

Dass diese wächst, belegt nicht nur der gestiegene Umsatz. Auch die Anzahl der Kundinnen hat letztes Jahr um über 25 Prozent zugenommen – sie tätigten über 58'000 Einkäufe. Vor allem Grundnahrungsmittel seien in letzter Zeit gefragt, erläutert Lauper. Statt wie früher einmal eine Tafel Schokolade zu kaufen, griffen die Menschen lieber nach einer zusätzlichen Packung Pasta oder Reis.

Enge Platzverhältnisse

Working Poors, Alleinerziehende und ältere Leute: Vor allem für sie waren die letzten Jahre schwierig. Schon die Corona-Massnahmen hätten die Menschen in Niedriglohnsektoren wie der Gastronomie und der Reinigungsbranche hart getroffen und die Zahl der Kundinnen steigen lassen, sagt Lauper. «2022 kamen diejenigen hinzu, die sich lange noch knapp über Wasser gehalten haben». Für sie waren die Teuerung und die gestiegenen Krankenkassenprämien zu viel. Auch Flüchtlinge aus der Ukraine machen einen Teil der neuen Kundschaft aus. Seit einem Jahr sehe er jeden Tag neue Gesichter, erzählt Lauper.

Diese Situation ist eine Herausforderung. «Es besteht ein gewisses Konfliktpotential», sagt Lauper. Viele Stammkunden äusserten ihm gegenüber die Befürchtung, dass neue Kunden ihnen Aktionen wegschnappen könnten. Während Lauper spricht, öffnet ein Zivildienstleistender das Geschäft. An diesem Nachmittag reichen die rund 110 Quadratmeter Verkaufsfläche für die Kunden aus, langsam betreten sie das Geschäft und gehen zu den verschiedenen Regalen.

Lauper steht mit ihnen in engem Kontakt. «Meine Bürotür ist praktisch immer offen», sagt er. Es sei schön, wenn sich alle wohlfühlten. «Wenn man aber sieht, wie sie an der Kasse die letzten Rappen hervorkramen, tut das weh.»

Professionelle Strukturen

Der Caritas-Markt steht nicht allen Menschen offen. Um dort einkaufen zu können, müssen die Leute Sozialhilfe oder Ergänzungsleistungen beziehen oder eine monatliche Prämienverbilligung in einer gewissen Höhe erhalten. Sozialdienste oder die Caritas stellen ihnen eine Karte aus, die sie an der Kasse vorweisen müssen.

Der Markt in Bern bietet über 300 Produkte des Grundbedarfs wie Mehl, Kaffee oder Hygieneartikel an – immer in ausreichender Menge und meistens mit gleichbleibenden Preisen, wie Lauper betont. Hinzu kommen zahlreiche temporäre Angebote, beispielsweise Ware, die kurz vor dem Ablaufdatum steht und welche die Caritas günstig kaufen kann. Lauper kramt als Beispiel ein Rivella Mint hervor, das sonst bei einem der grossen Detailhändler verkauft wird.

«Die Kaffeeecke war unser Leuchtturm.»
Daniel Lauper, Betriebsleiter des Caritas-Markts in Bern

Das konstante Angebot ist auf eine Professionalisierung der Strukturen zurückzuführen. Es gibt ein neues Kassensystem, der Einkauf ist zentralisiert. Die Genossenschaft in Sempach kümmert sich auch um die Lieferung der meisten Produkte an die Caritas-Märkte in der Schweiz. «Selber bestellen wir nur die Früchte und das Gemüse», sagt Lauper. Von lokalen Bäckereien bezieht er Brot vom Vortag.

Als der Caritas-Markt 1993 in Bern eröffnet wurde – damals noch unter dem Namen Carisatt – arbeiteten dort ausschliesslich Freiwillige. Als Lauper 2017 dazustiess, war vieles noch wie damals. «Wir haben jeden Artikel von Hand angeschrieben und die Mindesthaltbarkeitskontrolle mithilfe von Excel-Listen durchgeführt.» Für Lauper, der aus dem Detailhandel kam, war das ungewohnt.

Übrig bleibt nichts

Mittlerweile ist Foodwaste beim Caritas-Markt kaum mehr ein Thema. «Früher haben wir jährlich 10'000 Franken für Abschreibungen budgetiert, jetzt noch 1500 Franken», sagt Lauper. Dank des neuen Kassensystems hätten sie die genaue Übersicht über die Menge der Produkte an Lager und deren Ablaufdaten. Mit Aktionen und teilweise symbolischen Preisen finde praktisch jedes Produkt eine Abnehmerin, erläutert Lauper.

Logistisch erfordert das Berner Geschäft im Vergleich zu den grösseren Märkten in Thun und Biel nach wie vor viel Handarbeit. Weil das Lager verwinkelt und eng ist, müssen alle Produkte von den Angestellten über eine Treppe ins Geschäft getragen werden. «Deshalb brauchen wir mehr Mitarbeiter», sagt Lauper. Doch die sind zurzeit rar.

«Wir haben ein fünfstelliges Defizit pro Jahr.»
Daniel Lauper, Betriebsleiter des Caritas-Markts in Bern

In den Caritas-Märkten arbeiten in den Regel Menschen, die sonst Mühe haben, in den ersten Arbeitsmarkt zu kommen. Aufgrund des Mangels an Arbeitskräften hätten viele von ihnen einen Job gefunden, sagt Lauper – was erfreulich sei. Dafür fehle ihm nun das Personal.

Ein sozialer Treffpunkt

Gleich neben der Kasse des Caritas-Marktes Bern steht eine Kaffeemaschine. To-go, steht dort. «Die Kaffeeecke war unser Leuchtturm», sagt Lauper. An warmen Tagen tauschten sich die Leute vor oder nach dem Einkauf auch auf dem kleinen Parkplatz vor dem Markt aus, an kalten drängten sie sich im Eingangsbereich des Geschäfts. Das Getränk und ein Gipfeli sind für die Kundinnen gratis.

Wegen Corona musste der soziale Treffpunkt geschlossen werden. Und mittlerweile lassen die Platzverhältnisse es nicht zu, ihn wieder zu eröffnen. Die Suche nach einem grösseren Standort für den Caritas-Markt gestaltet sich schwierig. Die Mieten in der Stadt sind hoch, Investitionen in die Infrastruktur ein grosses Hindernis.

Selbsttragend ist der Markt nicht. «Wir haben ein fünfstelliges Defizit pro Jahr», sagt Lauper. Trotz der aktuellen Umsatzsteigerung könnte der Verlust des letzten Jahres unter Umständen sogar gewachsen sein. Weil die Grundnahrungsmittel durch Spendengelder stark subventioniert sind, trägt die Umsatzsteigerung von 200'000 Franken wenig zur Reduktion des Defizits bei. Ohne die Spenden und Unterstützungsbeiträge gäbe es den Caritas-Markt nicht mehr.