«Ich weigere mich, zwischen Antisemitismus und Xenophobie zu wählen»
Herr Krieger, Frankreich befindet sich nach den Wahlen in einer politischen Pattsituation, keiner der drei Blöcke hat eine Mehrheit. Wie ist die Stimmung im Land?
Die Stimmung ist etwas eigenartig. Sie besteht aus einer Mischung aus Enthusiasmus für die Olympischen Spiele in Paris, Müdigkeit vor den Ferien und der Sorge über die politische Situation – je nach persönlicher Priorität überwiegt das eine oder das andere. Allerdings befinden wir uns nicht in einer wirklichen Pattsituation. Es sind die Verantwortlichen des «Front populaire» (Linksbündnis), die nicht fähig sind, die Zeit nach den Wahlen zu bewältigen. Es ist unverantwortlich, von den Wählern Solidarität einzufordern, wenn man am Tag darauf nichts mit dem Ergebnis anzufangen weiss.
Was beschäftigt Sie persönlich am meisten?
Ich befürchte, dass dieses Spektakel die Stimmung gegen die Politik und das «System» weiter anheizt und zu mehr Stimmen für die Rechtsextremen führt, die eine Rückkehr zur Ordnung versprechen. Dabei sind ihre Ideen aus moralischer und christlicher Sicht schrecklich.
Die «Fédération protestante de France» hat vor dem zweiten Wahlgang explizit gegen die Wahl extremer Parteien aufgerufen. Weshalb wurde das «Rassemblement National» nicht ganz konkret beim Namen genannt?
Es gab zwei Positionen in den Kirchen. Ein Teil wollte insbesondere das «Rassemblement National» verurteilen und darauf hinweisen, dass Rechtsextremismus mit den Werten des Evangeliums und den Menschenrechten unvereinbar ist. Die andere Position bestand in der Ablehnung beider Extreme – auch wenn die Gefahr nicht dieselbe ist. Ich würde sagen: Bei der Ablehnung des «Rassemblement National» handelt es sich um eine Ablehnung aus Überzeugung, bei der Ablehnung der Extremen Linken um eine Ablehnung aus Verantwortungsgefühl. Persönlich weigere ich mich, zwischen dem Antisemitismus der einen und der Xenophobie der anderen zu wählen.
Es ist nicht zum ersten Mal, dass die Extreme Rechte in Frankreich nach der Macht greift. Was war an diesen Wahlen so besonders, dass sogar international bekannte Fussballer wie Kylian Mbappé oder die protestantische Kirche Position bezogen haben?
Bisher galt für den «Front national» (Vorgängerpartei des Rassemblement National) eine «gläserne Decke». Doch die Parteichefin Marine le Pen hat den Diskurs angepasst und damit ideologische Erfolge erzielt. Viele Leute, auch ich, hatten Zweifel, ob die «gläserne Decke» noch trägt – deshalb die starke Mobilisierung und unser Aufruf.
Schweizer Medien haben geschrieben, dass Frankreich keine Kultur der Koalition kennt. Weshalb?
Das ist ein historisches Erbe. Die Kultur «Un roi, une foi, une loi» fördert eher ein zentralistisches Denken. Unser demokratisches System beruht daher auf einer Mehrheitskultur. Wäre Frankreich protestantisch geworden, oder hätte sich seit der Reformation eine pluralistische Gesellschaft herausgebildet, würde womöglich eher eine Kultur der Debatte und des Kompromisses vorherrschen. Dafür steht der synodale Weg.
Welchen Beitrag an einen Kompromiss kann die reformierte Kirche leisten?
Zum einen kann sie auf das synodale System verweisen und an die Vernunft appellieren. Zum anderen ist es nicht so, dass es zehn Millionen Faschisten in Frankreich gibt. Die Wahl hatte viel mit Frust, Wut und Unzufriedenheit zu tun. Die Kirche und der Staat müssen auf diese Menschen zugehen, sie anhören und politische Lösungen finden.
Christian Krieger stammt aus dem Hanauerland im Grenzgebiet zwischen Frankreich und Deutschland. Der reformierte Theologe steht seit über zehn Jahren der Reformierten Kirche von Elsass und Lothringen vor. Zudem vertritt er als Präsident der «Fédération Protestante de France» die französischen Reformierten in der Öffentlichkeit.
In Deutschland hat die Kandidatur von Pfarrpersonen für die rechtsextreme Alternative für Deutschland für hitzige Diskussionen und sogar Entlassungen gesorgt. Gab es ähnliche Fälle in Frankreich?
Nicht wirklich. In Frankreich gibt es eine Vielzahl von grösseren und kleineren Kirchen. Jede hat ihre eigene Regel und Position zu diesem Thema. In den Unierten Kirchen ist ein politisches Amt als Pfarrperson aber nicht denkbar. Als Pfarrer oder Pfarrerin leistet man Dienst an der gesamten Gemeinschaft. Man muss allen zuhören, auf alle zugehen und von allen anerkannt werden. Das ist nur schwer mit einem politischen Engagement oder einer Kandidatur vereinbar. Ich kenne jedoch Pfarrpersonen, die dafür ihren Beruf aufgegeben haben.