«Am WEF wird viel geredet und wenig zugehört»

Wenn sich die Mächtigen dieser Welt für ein paar Tage zum World Economic Forum (WEF) treffen, bleibt Pfarrerin Hannah Thullens Kirche, St. Theodul, geschlossen, weil sie im Sperrgebiet liegt. Derweil organisiert sie mit einer ökumenischen Arbeitsgemeinschaft eine Gebetswache in der reformierten Kirche St. Johann.

Das WEF dominiert den Alltag der Davoser. Doch der Spuk geht schnell vorbei. (Bild: Keystone/Imaginechina/Zhang yuanyuan)

Frau Thullen, wie erleben Sie die WEF-Tage in Davos?
Es ist eine turbulente Zeit. Für Einheimische ist kompliziert überhaupt von A nach B zu kommen. Eine Busfahrt von normalerweise für 5 Minuten, kann plötzlich eineinhalb Stunden dauern. Wir meiden in diesen Tagen das Zentrum. Ich muss mir für alles viel mehr Zeit einrechnen und bin hauptsächlich zu Fuss unterwegs.

Ist das WEF für Davos nur Ärgernis oder bietet es auch Chancen?
Für mich bleibt es vorwiegend ein Ärgernis. Man kann aber auch spannende Menschen kennenlernen und neue Beziehungen knüpfen. Wir arbeiten während des WEF mit NGOs zusammen und bringen sie privat unter, weil die Hotelpreise zurzeit horrend sind. Dieses Jahr ist zum Beispiel «International Bridges to Justice» aus Genf zu Besuch. Sie bekämpfen Folter in Gefängnissen, indem sie sich für rechtlichen Beistand für die Gefangenen einsetzen.

Seit 1999 bieten die Davoser Kirchen während des WEF ein ökumenisches «Schweigen und Beten» an. Das mutet passiv, ja schon fast resignierend an.
«Schweigen und Beten» ist eine bewusste Form der Stille in einer lauten Zeit. Das Schweigen wurde als Mahnwache eingeführt. An dieser Form kann jeder teilnehmen, es ist interreligiös. Es ist ein Kontrastprogramm zum Geschehen im Ort, wo viel Trubel und Aktivismus herrscht. Dort wird viel geredet und wenig zugehört.

Was können Sie mit dieser Mahnwache erreichen?
Wir sprechen im Team viel darüber, was es bringt. Wir wollen nicht nur anklagen, wir nehmen uns auch selbst ins Gebet. Ganz im Sinne des Theologen Albert Schweitzer: «Beten verändert Menschen, und Menschen ändern die Welt». Ich merke an mir selbst, dass mir Stille in der Kirche gut tut. Ich kann dann auch über meine Rolle und mein Verhalten als zivile Person nachdenken.

Kommen auch WEF-Teilnehmer oder nehmen nur Einheimische an dieser Mahnwache teil?
Abends besuchen uns eher Einheimische. Dem Gästebuch aber entnehmen wir, dass tagsüber auch WEF-Teilnehmer die Kirchen besuchen. Vor zwei Jahren zum Beispiel trug sich der damalige US-Aussenminister John Kerry ins Gästebuch von St. Theodul ein – er hatte die Polizei gebeten, ihn in die gesperrte Kirche zu lassen. Er erinnerte sich noch an die Kirche, weil er hier als Kind mit seiner Familie in den Ferien war.

Alle Welt schaut gerade auf Davos. Verpasst die Kirche da nicht eine Chance, wenn sie auf Schweigen setzt?
Aufmerksamkeit für unsere Themen erreichen wir am ehesten durch die Unterstützung der NGOs. Mir schwebte auch schon vor, etwas Sichtbares zu machen, aber während des WEF ist es schwierig, eine Bewilligung zu erhalten. Halblegale Aktionen sind keine Option für uns.

Haben Sie das Gefühl, das WEF prägt Ihre Gemeinde auch unter dem Jahr?
Nicht wirklich. Die Veranstaltung selbst erleben wir als sehr elitär. Es ist nicht wie der Spengler-Cup, wo die Einwohner ein Teil des Geschehens sind. Während des WEF hört man die Leute oft sagen: «Es ist bald vorbei, wir haben es fast geschafft.» Der Spuk ist tatsächlich schnell wieder vorüber.

Wenn Sie könnten, wen würden Sie gerne an das WEF einladen?
Die Frage ist schwierig zu beantworten. Ich zweifle am Format. Es kommen zwar immer wieder spannende Personen wie etwa Friedensnobelpreisträger. Das mutet aber wie eine Alibiübung an. Die Wirtschafts- und Landesvertreter kommen hierher, um ihr Image zu pflegen. Daran störe ich mich. Überall in Davos liest man Slogans wie «Create a Better World» und dergleichen. Manchmal lache ich auch darüber.

Gibt es einen Slogan, der Ihnen besonders aufgefallen ist?
Einer war besonders absurd: «Deliver today, anticipate tomorrow». Man ist gedanklich schon im Morgen und muss gleichzeitig heute Top-Leistungen bringen. Die verschiedenen Slogans zeigen es: Das WEF ist eine absurde Vermarktung von Werten aller Art. Sehr nachhaltig wirkt die Veranstaltung aber nicht. Aus der ganzen Welt fliegen die Teilnehmer nach Davos, wo sie mit grossen Autos herumfahren. Für Geld kann man in dieser Woche alles haben.