Allianz fordert gezielte Armutsbekämpfung
Rund zwei Drittel der ungefähr 270'000 Sozialhilfebeziehenden in der Schweiz seien entweder Kinder, Alleinerziehende oder sie können aufgrund ihrer Lebenssituation nicht in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden, schreiben 26 Betroffenenorganisationen und Organisationen aus der Armutsbekämpfung. In der Allianz vertreten sind etwa das Schweizerische Arbeiterhilfswerk, der Berufsverband Soziale Arbeit (AvenirSocial), die IG-Sozialhilfe und die SP Schweiz.
Frauen seien zudem einem höheren Armutsrisiko ausgesetzt als Männer. Die Allianz der Organisationen fordert, dass die Sozialhilfe nicht nur punktuell verbessert wird, sondern dass sie für alle Betroffenen ein existenzsicherndes und würdiges Leben ermöglicht.
Konkret fordern sie unter anderem eine Harmonisierung und Vereinheitlichung der Sozialhilfe; die jüngsten Entwicklungen zeigten, dass sich die kantonalen Sozialhilfegesetze verselbständigten. Die Verfahren und Abläufe seien von Sozialdienst zu Sozialdienst unterschiedlich. Zu den Forderungen gehört ausserdem die Aufhebung der Rückerstattungspflicht und ein Stopp auf den Rückgriff auf die Altersguthaben sowie die Erhöhung des Vermögensfreibetrages. Weiter sollen der Rechtsschutz von Sozialhilfebeziehenden gestärkt und Ergänzungsleistungen für Familien eingeführt werden.
Digitalisierung vertieft Kluft Arm-Reich
Caroline Morel vom Schweizerischen Arbeiterhilfswerk warnte vor einem wachsenden Armutsgefälle. Der Digitalisierungsschub während der Corona-Krise habe die Kluft zwischen Menschen mit Kompetenzen in der computerisierten Welt und solchen ohne vertieft, sagte sie an der virtuellen Medienkonferenz.
Verstärkung für das Pflegepersonal forderte Stéphane Beuchat von AvenirSocial. Mehr als ein Jahr Coronapandemie hätten die sozialen Berufe ans Limit gebracht. Eine würdevolle Unterstützung von Menschen in Armutssituationen sei zudem auf gut ausgebildete Fachpersonen angewiesen. Zu viele Dossiers und Aufträge, zu wenig Personal, zu viel Druck, eine hohe Fluktuation und unsichere Arbeitsbedingungen führten zur Erschöpfung des Fachpersonals.
«Bildung schützt vor Armut»
Erwachsene ohne nachobligatorischen Abschluss oder mit fehlenden Grundkompetenzen sind besonders stark armutsgefährdet, wie die Organisationen feststellen. Dies betreffe rund eine halbe Million der 25- bis 64-Jährigen.
Eine zentrale Voraussetzung für eine nachhaltige Integration und längerfristige Perspektiven sei Bildung. Die Unterstützung von geringqualifizierten Erwachsenen beim Erwerb und Erhalt von Grundkompetenzen sowie bei einem Berufsabschluss oder -wechsel seien deshalb zentrale Ansatzpunkte der Armutsprävention und -bekämpfung. Bildung schütze vor Armut.
Die Sozialhilfe sei das letzte Auffangnetz im System der sozialen Sicherheit der Schweiz, mahnt die Allianz der Organisationen. Sie springe ein, wenn die persönlichen und familiären Ressourcen und die gesetzlichen Leistungen von Dritten und den Sozialversicherungen nicht mehr zur Existenzsicherung ausreichen. Die Allianz verweist auf die Bundesverfassung – dort stehe, dass Menschen in der Schweiz ein Recht auf Unterstützung in Notlagen haben. (sda/mos)