Was ein Arzt aus dem Theologiekurs in die OP mitnimmt

Er ist der Klassiker der reformierten Erwachsenenbildung: Seit 30 Jahren suchen Menschen im Evangelischen Theologiekurs Antworten auf Fragen. In einer dreiteiligen Serie erinnern sich Teilnehmer an den Kurs und sagen, was sie toll fanden – und was weniger. Dritter und letzter Teil der Theologiekurs-Jubiläums-Serie: Felix Mahler, 74, ehemaliger Chefarzt am Inselspital in Bern.

Der Arzt Felix Mahler besuchte den evangelischen Theologiekurs in Zürich. (Bild: zVg)

«Den Theologiekurs besuchte ich in der Zeit, nachdem ich als Chefarzt am Berner Inselspital pensioniert wurde und an den Zürichsee zurückzog. Die Gründe für den Kursbesuch liegen wohl in meiner Jugend. Als Heranwachsender in der Stadt Zürich engagierte ich mich in kirchlichen Jugendgruppen, besuchte das Literaturgymnasium und spielte mit dem Gedanken, Pfarrer zu werden. Kurz vor der Matur schwenkte ich um auf Medizin. Mein Interesse an den grossen Fragen der Theologie blieb. Vor rund zehn Jahren las ich dann ein ganz kleines Theologiekurs-Inserat im Kirchenboten und dachte mir: Das wär was, damit würde sich ein Kreis in meinem Leben schliessen.

 

Aufgewachsen bin ich in einem reformierten Elternhaus, wir waren drei Buben. Der Vater ging oft in die Kirche und natürlich wurden wir getauft und konfirmiert. Das gehörte einfach dazu, wie auch die Jugendgruppe und das Mitmachen in der Kirchgemeinde. Die Umgebung war nicht fromm, vielmehr ausgesprochen landeskirchlich. Meine jetzige Partnerin sagt immer, dass ich in Glaubensfragen ein Suchender sei. Da hat sie nicht Unrecht. Ich habe Mühe zu definieren, was ich bin. Was ich aber auf alle Fälle sagen kann: Ich bin kein Agnostiker.

 

Der Zufall wollte es, dass mir zu Beginn meiner Theologiekurszeit ein Arztkollege bei einem Kirchenbesuch in Männedorf von einem Hauskreis erzählte, dem er angehöre. Wenig später schaute ich dort vorbei – und bin bis heute geblieben. Wir lesen Bibeltexte, diskutieren diese und beten. Trotzdem herrscht ein offener Geist, moralisiert wird nicht. Auch habe ich bei Bibeltextinterpretationen oft ganz andere Ansichten – und das ist überhaupt kein Problem. Für mich ist der Ort eine gute Möglichkeit, meinen Glauben zu leben. Oder anders ausgedrückt: Ich fühle mich im Hauskreis theologisch nicht eingeengt und kann doch eine gewisse Frömmigkeit ausleben. Damals war er auch eine gute Ergänzung zum Theologiekurs. Der Hauskreis ist natürlich etwas ganz anderes als der Theologiekurs. Würde im Kurs gebetet, würden wohl einige davonlaufen.

 

Ich erinnere mich gerne an den Theologiekurs. Die Inhalte interessierten mich und meistens wurden sie auch gut vermittelt. Mühe bereiteten mir manchmal die Gruppenarbeiten. Mich interessierte halt nicht so sehr, was die anderen denken, sondern was der Dozent zu einem Thema weiss. Rückblickend kann ich aber sagen, dass ich von dem Austausch mit den anderen doch profitieren konnte. Auch störten mich die unterschiedlichen intellektuellen Niveaus nicht. Es sind ja keine Spinner dabei, dafür sorgen die Aufnahmegespräche vor dem Kurs. Wenn ich so darüber nachdenke, dann vielleicht noch dies: Für meinen Geschmack hätte der Kurs noch stärker den Fokus auf biblische Inhalte richten dürfen.

 

Der Kurs verlangt eine gewisse Bereitschaft, sich auf neue Dinge einzulassen. So mussten wir beispielsweise zum Thema des biographischen Arbeitens auf A3-Blätter unser Leben bildlich darstellen. Ich zeichnete all meine Wohnorte mit den Häusern und deren Umgebung. Und da ich schon ein langes Leben habe, brauchte ich mehrere Blätter. Als ich dies alles gemalt hatte und anschaute, war ich selber wahnsinnig beeindruckt; es berührte mich regelrecht. Ich erkannte Einschnitte und Abschnitte in meinem Lebenslauf und dachte über die Ereignisse nach, die dazu führten. Spontan hätte ich so etwas nie gemacht.

 

Den Theologiekurs hätte man auch mit einer Abschlussarbeit abschliessen können. Ich schrieb sie nicht. Insofern kann man mich auch scherzhaft einen Kursversager nennen. Ich entschied mich bei diesem Kurs bewusst dafür, den Stoff einfach nur aufzunehmen und ihn zu verarbeiten, ohne eine Arbeit abzuliefern. In meinem bisherigen Leben war das ja bisher anders. Da musste ich zahlreiche Abschlüsse ablegen.

 

Heute mache ich ein Art Anschluss an den Theologiekurs an der Universität Basel. Es ist ein berufsbegleitendes Studium in Theologie und Religionsphilosophie, kurz BSTR , die Ausrichtung ist allerdings akademischer als im Theologiekurs. Ohne den Theologiekurs hätte ich mich wohl nie für dieses Studium entschieden.

 

Ich arbeite seit meiner Pensionierung noch teilzeitig im Spital Männedorf in der Angiologie. Das ist ein Teilgebiet der Inneren Medizin, das sich mit Gefässerkrankungen beschäftigt. Aus Ehrlichkeitsgründen muss man auch sagen, dass man ein guter Mensch – auch ein guter Arzt – sein kann, ohne dass man Christ ist. Das wurde mir auch im Theologiekurs klar: Die christliche Ethik entspricht weitgehend der philosophischen. Ich kenne viele ethisch hochstehende Ärzte, die nichts mit Religion am Hut haben.

 

In den letzten Jahren bete ich vor schwierigen Eingriffen. Und gelingt mir etwas gut, dann bedanke ich mich auch bei Gott. Aber das ist eine sehr persönliche Sache, die nur mich betrifft – auch wenn der Effekt dem Patienten zu Gute kommt. Davon erfährt dieser aber meistens nichts – ich hätte Mühe, ihm das zu sagen.»

 

Alle Informationen zum Kurs: Webseite Evangelischer Theologiekurs – Grundwissen Theologie

 

Die Serie:

Teil 1: Claudia Stoll, 52, Immobilientreuhänderin
Teil 2: Andreas Feurer, 73, ehemaliger Kultur-Redaktor beim Schweizer Fernsehen
Teil 3: Felix Mahler, 74, ehemaliger Chefarzt am Inselspital in Bern