«15 Jahre sass ich in der Kirchenpflege von Opfikon-Glattbrugg, acht davon als Präsident, und irgendwann war es da: Das Bedürfnis, mich in der Materie, mit der ich mich nebenberuflich beschäftigte, besser auszukennen, sie mehr zu verstehen. Das war einer der Gründe, warum ich von 1990-1993 den Theologiekurs in Zürich besuchte. Ein anderer hat etwas mit meinem Glauben zu tun. In mir spürte ich plötzlich ein bisher unbekanntes Gefühl. Als wolle eine Macht in mein Leben eindringen, als würde Gott an meine Tür klopfen. Der Theologiekurs war für mich deshalb eine grosse Chance. Einerseits wollte ich mehr wissen über die Schriften, Religionen und Weisheiten. Da war aber auch meine Bereitschaft, mich emotional einzulassen.
Als grossartig erlebte ich die Kurs-Regel: Sagte ein Teilnehmer etwas, durfte dies nicht kommentiert oder dem widersprochen werden. Diese Kultur, eine Aussage stehen zu lassen und hinzuhören, ermöglichte es erst überhaupt, Ansichten und Gefühle frei zu formulieren.
Zugleich war man dadurch offen für unterschiedliche Auffassungen, Aussagen anderer hatten eine andere Wirkung.
Bei mir ging jedoch vieles, das im Theologiekurs gesät wurde, erst sehr viel später, nach meiner Pensionierung, auf. Zuvor nahmen mich Familie, Beruf und Nebenämter in hohem Masse in Anspruch.
Der dreijährige Kurs war sehr liberal. Ich erinnere mich an einen Mann mit einem engen religiösen Korsett. Er stieg rasch wieder aus, da ihm wohl klare Glaubenssätze im Kurs zu selten vorkamen. Anders bei mir. Für mich ist es sehr wichtig geworden, die Bibel zu hinterfragen und herauszufinden, was die einzelnen Aussagen für mich bedeuten. Beispielsweise zu fragen, was mir das Liebesgebot sagt, um entsprechende Konsequenzen aus den Antworten für mein Leben zu ziehen. Dabei helfen mir heute auch theologische Bücher, Bibelkommentare und Verweise auf andere Bibelstellen. Sie erweitern mein Verständnis und machen es erst möglich, in die Tiefe zu gehen. Dieses Vorgehen beruht unter anderem auch auf Anregungen aus dem Theologiekurs.
Mit rein wissenschaftlichen Texten habe ich jedoch meine Mühe. Ich spüre, dass sie mich vom Glauben abhalten. So schätze ich Autoren, die auch Herzblut einfliessen lassen und Theologie und Weisheit auf das Hier und Jetzt herunterbrechen. Damit will ich aber nichts gegen den hohen Wert der Religionswissenschaften sagen.
Ich bin ständig auf der Suche nach Glaubensgewissheit und Eingebungen für meine Lebensführung. Die Bibel begleitet mich durchs Leben. Zudem befasse ich mich mit dem Buddhismus. Der Theologiekurs mit seinem breiten Spektrum hat auch meines geöffnet.»
Die Serie:
Teil 1: Claudia Stoll, 52, Immobilientreuhänderin
Teil 2: Andreas Feurer, 73, ehemaliger Kultur-Redaktor beim Schweizer Fernsehen
Teil 3: Felix Mahler, 74, ehemaliger Chefarzt am Inselspital in Bern
Alle Informationen zum Kurs: Webseite Evangelischer Theologiekurs – Grundwissen Theologie