«Heute hat sich mein Glaube gefestigt, ohne dass ich religiöser geworden wäre»

Er ist der Klassiker der reformierten Erwachsenenbildung: Seit 30 Jahren suchen Menschen im Evangelischen Theologiekurs Antworten auf Fragen. In einer dreiteiligen Serie erinnern sich Teilnehmer an den Kurs und sagen, was sie toll fanden – und was weniger. Erster Teil der Theologiekurs-Jubiläums-Serie: Claudia Stoll, 52, Immobilientreuhänderin.

(Bild: zVg)

«Ich durchlief eine klassische reformierte Sozialisierung mit Sonntagschule und Konf-Unterricht. Vater und Grossvater waren Kirchenpfleger, der Vater Synodalrat, und ein naher Verwandter ist Pfarrer. Meine Bibelkenntnisse waren, als ich den Theologiekurs begann, auf dem Stand der Sonntagsschule. Die Pfarrperson im Konf-Unterricht legte den Schwerpunkt mehr auf Sozialthemen als auf die Bibel.

Meine fehlenden Bibelkenntnisse waren für mich immer eine Art blinder Fleck. Mit dem Theologiekurs wollte ich diesen angehen.

Zu Beginn des Theologiekurses hatte ich die Befürchtung, dass mir gesagt wird, was ich zu glauben hätte. Diese Befürchtung wurde nicht bestätigt: Es war ein Theologie- und kein Glaubenskurs. Es gab Teilnehmende, die mehr den Schwerpunkt Glauben erwarteten. Im Zentrum stand jedoch das Besprechen und Vertiefen von Texten aus wissenschaftlicher Perspektive. Was mich zunehmend störte, war das unterschiedliche intellektuelle Niveau in der Gruppe. Wenn einer Person die Fähigkeit fehlt, eine Text zu erfassen und zu analysieren, dann wird es zwangsläufig schwierig, eine vertiefte Diskussion zu führen. Da die Kursleitung darauf bestand, die Gruppenzusammensetzung zu bestimmen, erlebte ich die meisten Gruppenarbeiten als frustrierend. Ich wäre deshalb im zweiten Jahr fast ausgestiegen. Am Ende setzten wir uns bei der Kursleitung durch und konnten die Gruppen selber bilden, was bereichernde Gespräche möglich machte. Zwar gibt es ein Assessment, in dem die Erwartungen an den Kurs geklärt werden. Ich finde aber, man müsste auch darauf achten, dass die Teilnehmergruppen nicht nur von ihrer Motivation sondern auch von ihren Fähigkeiten her homogener sind.

Die Dozenten waren kompetent, engagiert und sehr gut vorbereitet. Die Fähigkeit und Bereitschaft, mit Erwachsenen in einen Dialog zu treten, war allerdings nicht bei allen Dozierenden gleich ausgeprägt. Meine Erwartungen an den Kurs wurden schlussendlich aber mehr als erfüllt.

Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben als Bestandteil des Lebens und mit der Bibel, das Aneignen von Wissen zu verschiedenen Religionen entsprach mir sehr.

Gerade das vorurteilsfreie Vergleichen der Religionen hat mir geholfen, das Judentum, den Islam und den Buddhismus besser zu verstehen.

Ich schätze die Offenheit der reformierten Kirche, die eine undogmatische Auseinandersetzung mit Glauben und Religion ermöglicht. Ich bin der Ansicht, dass diese theologische Weiterbildung unter ihrem tatsächlichen Wert verkauft wird. Allerdings empfinde ich den Titel Evangelischer Theologiekurs (ETK) als nicht mehr zeitgemäss, handelt es sich doch vielmehr um eine fundierte Weiterbildung als nur um einen Kurs. Ich glaube, dass diese Weiterbildung auch bei kirchenfernen Personen auf grosses Interesse stossen würde – dazu müsste sie allerdings anders publik gemacht werden.

Als die drei Jahre Theologiekurs vorbei waren, fehlte mir diese bewusste Auseinandersetzung mit Religion und Theologie. An einem weiterführenden Angebot der Landeskirche wäre ich deshalb sehr interessiert.
Heute weiss ich, wo ich stehe, mein Glaube hat sich gefestigt, ohne dass ich religiöser geworden wäre. Der blinde Fleck ist nicht mehr.»

 

Die Serie:

Teil 1: Claudia Stoll, 52, Immobilientreuhänderin
Teil 2: Andreas Feurer, 73, ehemaliger Kultur-Redaktor beim Schweizer Fernsehen
Teil 3: Felix Mahler, 74, ehemaliger Chefarzt am Inselspital in Bern

 

Alle Informationen zum Kurs: Webseite Evangelischer Theologiekurs – Grundwissen Theologie