Die Abgeordnetenversammlung (AV) des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) setzte mit einer Diskussion über Inhalt und Identität der Kirche 500 Jahre nach der Reformation einen weiteren Höhepunkt – wenige Tage nach der Eröffnung des Stationenweges zum Reformationsjubiläum in Genf.
Unter der Moderation von Pfarrer Simon Weber bezogen namhafte Vertreter aus Kirche, Politik und Wirtschaft im Hotel Bern durchaus kontrovers Stellung. Die kirchenexternen Teilnehmer gaben dem Gespräch dabei von Anfang an eine religionspolitische Stossrichtung. Isabelle Chassot, Direktorin des Bundesamts für Kultur verwies auf Globalisierung und Migration, die die Schweizer Gesellschaft veränderten. Es gelte neu zu bestimmen, wie die Reformierten sich gesellschaftlich und kulturell einbringen und wie das Verhältnis von Kirche und Staat zu gestalten sei.
Der baselstädtische Regierungspräsident Guy Morin stimmte dem zu. Er vermisse die Stimme der Reformierten in öffentlichen Religionsdebatten, etwa in Bezug auf den Umgang mit Wertekonflikten, wie sie im Zusammenhang mit dem Islam auftreten. Dem widersprach Christina Aus der Au, Präsidentin des Deutschen Evangelischen Kirchentags 2017 in Berlin. Die Kirche bringe sich aktiv in gesellschaftliche Prozesse ein, etwa in der Asylpolitik: Der SEK beteilige sich am Ausschaffungsmonitoring, und viele Kirchgemeinden würden sich zum Kirchenasyl entschliessen.
«Protestantische Werte erodieren»
Zu denken dürfte vor allem der Beitrag des Wirtschaftsvertreters Rudolf Wehrli geben. Der Verwaltungsratspräsident des Chemieunternehmens Clariant machte in seinem Votum klar, wie weit sich die Sprache der Kirche von der Wirtschaft und dem säkularen Alltag entfernt hat. Wehrli gab sich kirchenkritisch, aber nicht ablehnend. Denn im Grunde wünschte er sich eine stärkere Debatte über Werte: «Ich bin calvinistisch-puritanisch sozialisiert. Ich sehe grundlegende protestantische Werte wie Aufrichtigkeit heute immer mehr erodieren.»
Die Diskussion hinterliess bei den Anwesenden gemischte Gefühle. Deutlich wurde allerdings der Wunsch der Vertreter aus Kultur, Politik und Wirtschaft, dass kirchliche Akteure sich stärker in Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts und des religiösen Friedens einbringen – und dies in einer Sprache, die verstanden wird.
Konkretisierung gefordert
Eine gemeinsame Sprache und ein geeinter Auftritt der Reformierten beschäftigte die Abgeordneten am Dienstagmorgen auf einer sehr praktischen Ebene. Der vom Rat ausgearbeitete Schlussbericht zur «Bündelung der kirchlichen Kommunikation Schweiz» sorgte für Diskussionen. Bei dem Dokument handelt es sich um eine überarbeitete Fassung eines Schlussberichts, der den Abgeordneten bereits an der Frühlings-AV 2015 vorgelegt, jedoch nur als Zwischenbericht genehmigt wurde. Der revidierte Bericht skizziere nun eine detaillierte «Kommunikationsstrategie der reformierten Schweiz» und definiere sieben Kommunikationsfelder nationaler Bedeutung, so Ratsmitglied Lini Sutter-Ambühl.
Wie bereits die Vorgängerversion wurde der Bericht von diversen Mitgliederkirchen als zu wenig fassbar kritisiert. 42 von 67 Abgeordnete folgten dem Antrag von Heinz Fischer, der im Namen der Mitgliederkirchen Zentralschweiz und Tessin eine weitere Konkretisierung der Umsetzung forderte: Der Schlussbericht soll strategische Meilensteine formulieren, einen Zeitplan präsentieren und die Akteure und Aufgaben der Umsetzung benennen. Der Schlussbericht wurde zur Kenntnis genommen und geht in den Rat zurück mit dem Auftrag zur Konkretisierung.
Neue SEK-Rätin
Schliesslich standen auch Neuwahlen auf der Traktandenliste der AV: Sabine Brändlin (BL) wurde mit 36 Stimmen bei einem absoluten Mehr von 34 Stimmen in den SEK-Rat gewählt. Sie setzte sich gegen die ebenfalls kandidierende Doris Wagner-Salathe (BL) durch. Brändlin ersetzt die ausscheidende Regula Kummer und tritt ihre Aufgabe ab Januar 2017 bis zum Ende der laufenden Mandatszeit 2018 an. Dass die abtretende SEK-Rätin Kummer mit einer weiblichen Person ersetzt wurde, entsprach dem dringenden Wunsch der SEK-Frauenkonferenz, die sich für eine zweite Frau im Rat stark gemacht hatte. Brändlin gilt als innovativ, vorwärtstreibend und lösungsorientiert.
Des Weiteren ersetzt der Neuenburger Pfarrer Pierre de Salis die zweite Vizepräsidentin des AV-Büros, Anneliese Hegnauer. Pierre de Salis, der bisher Einsitz in die Nominationskommission nahm, findet in Gilles Cavin (VS) einen Nachfolger. Für die Amtsperiode 2017/2018 übernimmt die bisherige Vizepräsidentin Claudia Haslebacher das Präsidium des Büros der AV vom scheidenden Jean-Marc Schmid.
350‘000 Franken für Bundeszentrumseelsorge
Zu den weiteren Geschäften gehörte der Beschluss der AV, nicht zweckgebundene Gelder des Fonds für Schweizer Kirchen im Ausland zugunsten der Seelsorge in den Bundeszentren verwenden zu können. Zusätzlich beschlossen die Abgeordneten, die Bundeszentrumseelsorge 2017 mit einem ausserordentlichen Beitrag von 350‘000 Franken zu unterstützen. Einstimmig wurde der Kostenvoranschlag für 2017 mit einem budgetierten Aufwandsüberschuss von knapp 200‘000 Franken und Mitgliederbeiträgen von gut 6 Millionen Franken angenommen.