«‹Zwingli› ist kein historischer Dokumentarfilm»

Der Historiker Valentin Groebner äusserte in einem Interview Kritik am neuen Zwingli-Film: Dieser enthalte Fehler und zeige ein beschönigendes Bild der Epoche. Ref.ch hat drei Historiker gefragt, wie sie den Film erlebt haben. Heute: Martin Sallmann, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Bern.

«Der Film zeigt gut auf, wogegen die Reformatoren gekämpft haben»: Der Historiker Martin Sallmann. (Bild: ZVG)

Herr Sallmann, Sie haben den Zwingli-Film im Kino gesehen. Können Sie ihn Ihren Studierenden guten Gewissens empfehlen?
Ja, denn der Film bietet eine gute Gelegenheit, über Chancen und Schwierigkeiten im Umgang mit historischen Stoffen nachzudenken. Natürlich darf man dabei nicht vergessen, dass es sich um eine von vielen möglichen Interpretationen handelt.

Im Interview mit dem Tages-Anzeiger äusserte der Historiker Valentin Groebner seine Vorbehalte gegenüber dem Film. Dieser enthalte viele historische Ungenauigkeiten. Zum Beispiel sei die Alltagssprache damals derber und obszöner gewesen.
Es ist richtig, dass die Sprache in dieser Zeit derb war. Für die meisten Menschen war das Leben hart und von existentiellen Sorgen geprägt. Das zeigte sich unter anderem in der Sprache. Ich finde aber, die Filmemacher haben das elegant gelöst, indem sie heutige Mundart mit frühneuhochdeutschen Sequenzen, Zitaten aus Briefen oder der Bibel, kombinierten. Durch diese Verfremdung wird die sprachliche Distanz der Zeit hörbar.

Kritik übt Groebner auch an der Darstellung der Stadt Zürich im frühen 16. Jahrhundert. Sie sei in Wirklichkeit bunter, lauter und dreckiger gewesen als im Film dargestellt.
Da hat Groebner wohl Recht. Im damaligen Zürich lebten rund 5000 Menschen auf engstem Raum. Vermutlich war es wirklich ziemlich dreckig. In den Gassen stank es nach Abwässern, Kot und Abfall. Auch das Gewerbe war überall präsent. Wie viele solcher Details in einen Film einfliessen sollen, ist aber immer Ermessenssache.

Wenig Verständnis zeigt Groebner dafür, wie die Katholiken dargestellt sind. Das Bild des schlemmenden und korrupten Katholiken entspreche reformierten Propagandabildern aus dem 16. Jahrhundert.
Es stimmt, dass der Film keinen Zweifel daran lässt, wer der Feind ist. An keiner Stelle wechselt er die Perspektive auf die Seite der Katholiken. Dadurch wird einiges ausgeblendet. Zum Beispiel, dass es auch auf katholischer Seite aussergewöhnliche Denker und engagierte Reformer gab. Anderseits finde ich es nicht schlecht, dass der Film aufzeigt, wogegen sich die Reformatoren gewendet haben. Man darf nicht vergessen, dass Zwingli kein historischer Dokumentarfilm ist. Sondern ein Versuch, Zwingli und die Zürcher Reformation einem breiten Publikum verständlich zu machen.

Groebner bemängelt, Zwingli sei ein Zürcher Heimatfilm und blende die ganze europäische Reformationsgeschichte aus. Hat er recht?
Das würde ich so nicht unterschreiben. Natürlich war die Reformation nicht nur eine zürcherische, sondern eine eidgenössische und europäische Angelegenheit. Aber die Filmemacher wollten nun einmal einen bestimmten Zeitraum der Zürcher Reformation darstellen. Ein Film verliert zudem schnell an Profil, wenn zuviel hineingepackt wird.

Gibt es Stellen im Film, die Ihnen als Historiker zweifelhaft erscheinen?
Im Abspann heisst es, nach Zwingli habe es keine verheerenden Religionskriege mehr gegeben. Mir kamen da sofort die beiden Villmergerkriege in den Sinn, die ebenfalls religiös unterfüttert waren. Auch die Verfolgung der Täufer durch die sich etablierenden reformierten Kirchen ging weiter. Dieser Abspann hat mich irritiert.