Zwingli jenseits der Klischees

Viele Themen der Reformation sind heute noch aktuell. Wie die Stichworte von damals die politische Debatte noch heute beleben, veranschaulichte der Zürcher Kirchenratspräsident Michel Müller bei der Buch-Vernissage für die neue Zwingli-Biografie von Kirchenhistoriker Peter Opitz.

Zwingli als Puppe, geführt von Michael Schwyter.
Zwingli als Puppe, virtuos geführt von Michael Schwyter. (Bild: Delf Bucher)

«Alles Zwingli oder was?» – unter dieser Überschrift stand die Buchvernissage zu der neuesten Biografie von Huldrych Zwingli. Und tatsächlich: Zwingli ist auferstanden. Nicht als zorniger Reformator mit Donnerstimme, um die Misere dieser aus den Fugen geratenen Welt anzuklagen. Nein, er steht da in der Eingangshalle des Hirschengraben 50 in Zürich als netter Grüssonkel, um die rund 60 Besucher persönlich zu empfangen. Die Stimme hat ihm der Figurenspieler Michael Schwyter gegeben.

Zwingli zur Karikatur verzeichnet

Buchvernissage für Zwingli: Nach vielen Jahrzehnten hat sich der Zürcher Kirchenhistoriker Peter Opitz daran gemacht, dem Reformator wieder eine wissenschaftliche Biografie zu widmen. Dass soviel Zeit verstrichen ist, bis sich wieder ein Forscher den Zürcher Reformator unter die Lupe nimmt, zeigt: Zwingli ist ganz im Schatten von Luther und Calvin vergessen gegangen.

Diesen Fakt widerlegen auch nicht pfiffige regionale Vermarktungsideen vom Zwinglibier bis zur Zwingliwurst. Das ist auch die Diagnose von Opitz, der herausstellt: Im öffentlichen Bewusstsein schrumpfe Zwingli zusammen zu einer Karikatur.

Das Zwingli-Klischee, jeder könnte es bei Google selber testen, so der Professor des Instituts für Schweizerische Reformationsgeschichte, sei eindimensional und schlicht: Zwinglianisch stehe da für Sittenstrenge – jeder Sinnlichkeit abhold.

Dass Zwingli vergessen sei, dass könnte wiederum durchaus im Sinne des Zürcher Reformators sein, so der Biograf. Und dann projizierte Opitz einen Zwingli-Satz auf die Leinwand: «Vor dem Herrn bezeuge ich: wenn dann meine Schriften einmal von allen gelesen wären, so wünschte ich, mein Name geriete allenthalten wieder in Vergessenheit».

Solidarisches Abendmahl

Wer kennt die Zwingli-Schriften noch? Wer hat eine Idee von seiner Gedankenwelt? Das war denn auch Opitz’ Anliegen in seiner biografischen Skizze: Vor allem Zwinglis Theologie sollte im Fokus stehen. Ein Kernstück zwinglianischen Denkens erläuterte Opitz mit dessen Abendmahllehre.

Vielleicht ist es geradezu ironisch, dass er die Ideen des angeblich bilderfeindlichen Reformators mit der Schmuckseite eines Zwingli-Traktats erläuterte: Da wird die Realpräsenz Jesu Christi bei der Mahlfeier als ein Akt in der Gemeinschaft dargestellt – die Israeliten lesen in der Wüste das Manna auf, die Juden sitzen zum Pessachmahl zusammen und als solidarische Tischgemeinschaft teilt schliesslich Jesus mit seinen Jüngern Brot und Wein.

Woraus Zwingli seine Hoffnung bezog

Der Rückbezug auf den Exodus, das stellt Opitz auch immer wieder in seinem Büchlein heraus, ist für Zwingli zentral. Aus dieser «göttlichen Befreiungs- und Heilsgeschichte» bezieht der Reformator in den turbulenten Umbruchszeiten seine Hoffnung.

«Zwingli hat sich durchaus in der Tradition des alttestamentlichen Propheten gesehen», so Opitz. Und wie drückend die Zeitumstände auf Zwingli lasteten und wie befreit er sich durch neu gelesene Heilige Schrift fühlte, veranschaulichte Opitz wiederum mit einem Zitat des Reformators: «Sehen wir nicht mit Schaudern, dass heutzutage überall Bosheit herrscht? Wenn sich nun jetzt inmitten aller Bosheit das Wort Gottes neu auftut, erkennen wir nicht, dass hier Gott selbst am Werk ist.»

Türken damals und heute

Diese eigentümliche Spannung zwischen einer untergehenden Welt und einer unbekannten Zukunft machte auch der Zürcher Kirchenratspräsident Michel Müller zum Thema. Stichworte der damaligen Zeit stünden plötzlich in seltsamer Korrespondenz zu aktuellen Schlagzeilen. Wie heute bestimmten bereits im frühen 16. Jahrhundert, also zur Zeit der Reformation, die Türken die grosspolitische Wetterlage. Merkel erscheint ein wenig wie Kaiser V., der seine Politik auf die nach Europa drängende Osmanen abstimmen musste. Und das Stichworte Religionsfreiheit hätte gerade jetzt wieder weltweit Konjunktur. Müller warnte aber davor, mit Zwingli alles zu begründen zu versuchen.

Powerpoint-Karaoke

Der neue Beauftrage für das landeskirchliche Reformationsjubiläum, Michael Mente, machte ebenfalls die verwirrende Umbruch- und Zwischenzeit der Reformation zum Ausgangspunkt seiner etwas zu lang geratenen Betrachtungen.

Ausgiebig bediente der promovierte Historiker seinen Laptop, um seine Powerpoint-Karaoke abzuspulen. Aber ein schönes Bild hat sich dabei visuell konturiert: der Halleyschen Komet, der alle 74 Jahre um die Erde düst und bis zu seiner wissenschaftlichen Entschlüsselungen durch den Astronomen Halley immer als ein kosmischer Fingerzeig Gottes gedeutet wurde.

Der Komet wurde als Hoffnungssymbol wie auch als Zeichen der Verdammnis gelesen. 1531 erblickte Zwingli in ihm ein düsteres Himmelsorakel. Todesahnungen befielen ihn und wenige Monate später wurde er von den Innerschweizern auf dem Schlachtfeld in Kappel in Stücke geschlagen.

Gott – für den menschlichen Geist nicht fassbar

Dazwischen hatte aber Zwingli persönlich das Wort. Und da war er dann nicht mehr der nette Grüssonkel, sondern durchaus als alttestamentarischer Prophet spürbar. Der Schauspieler Michael Schwyter verlieh ihm eine machtvolle Stimme und liess auch das sinnlich-bildhafte seiner Theologie aufleuchten mit Sätzen wie diesen: «Was aber Gott ist, das wissen wir aus uns ebensowenig, wie ein Käfer weiss, was der Mensch ist.» Ein Fazit fürs Reformationsjubiläum sollte der Reformationsbeauftragte vielleicht aus diesem Abend ziehen: Gut inszeniertes Theater ist besser als langfädige Powerpoint-Präsentationen.

 

Peter Opitz: Ulrich Zwingli – Prophet, Ketzer, Pionier des Protestantismus, TVZ, 2015, 120 Seiten, Fr. 22.80. 

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

 

Delf Bucher/reformiert.info