Regisseur Stefan Haupt hält Zwingli nicht für zwinglianisch

Der Schweizer Kinofilm «Zwingli» hat am 9. Januar Premiere gefeiert. Das Historienepos zeigt den Reformator als lebensbejahenden Mann. Regisseur Haupt hält den Kirchenmann für komplett unterschätzt und findet, heutige Kirchen sollten sich wieder stärker einmischen.

Zwingli bekämpfte vermeintlich unumstössliche Gebote wie das Fasten und vor allem das Zölibat. Haupt bezeichnet Zwingli als «eine Art urbaner Typ mit Bodenhaftung». (Bild: Ascot Elite)

Spätestens seit seinem Erfolgsfilm Der Kreis (2014) kennen auch nicht-filmaffine Schweizer Stefan Haupt. Mit Zwingli hat Haupt finanziell gesehen einen der grössten Schweizer Filme gedreht; gegen sechs Millionen Franken betrug das Budget.

Die Idee zum Film stammt nicht vom Regisseur selbst: «Der deutsche Produzent Mario Krebs recherchierte für seinen Film Katharina Luther und fand irgendwann, Zwingli sei eine wesentlich interessantere Figur als Martin Luther», erzählt Haupt. Er erfuhr schliesslich vom Projekt, dessen sich inzwischen die Schweizer Produzentin Anne Walser (C-Films) und die Drehbuchautorin Simone Schmid angenommen hatten – und erhielt den Zuschlag.

Mehr als drei Jahre später feierte am 9. Januar ein Historienepos Premiere, das eher ungewöhnlich ist für einen Schweizer Film. In mehr als zwei Stunden zeigt Haupt in eindrucksvollen Bildern und mit Liebe zum Detail, wie Zwingli (gespielt von Max Simonischek) 1519 von Einsiedeln ans Grossmünster berufen wird und dort die Reformation ins Rollen bringt.

Lustvoll, nicht zwinglianisch

Wer sich mit Haupt über Zwingli unterhält, merkt schnell: Der Filmemacher brennt für den Reformator. Er habe den Priester schon vor dem Film für unterschätzt gehalten. «Er hatte eine viel grössere internationale Reichweite als man ihm gemeinhin zuspricht.»

«Zwinglianisch» wird gerne als Synonym als für ein humorloses, sittsames Zürich verwendet. «Für mich hatte dieser Begriff nie etwas mit dem wirklichen Zwingli zu tun», sagt Haupt. Sein Zwingli sei ein «lebensbejahender und lustvoller» Mensch. So inszeniert er ihn auch im Film. Man sieht Zwingli als volksnahen Leutpriester, der sich auch im Wirtshaus wohl fühlt, oder als verständnisvollen Lehrer und leidenschaftlichen Ehemann.

Haupts Begeisterung für den Theologen kommt nicht von ungefähr. Der Regisseur wuchs in einer Familie auf, in der die Kirche eine wichtige Rolle spielte. Als Jugendlicher habe er sich intensiv mit dem Glauben beschäftigt. Erst als junger Mann sei ihm die Religion «ein zu enges Korsett» geworden, von dem er sich befreit habe. Beeinflusst hat ihn der Glaube dennoch: «Ich glaube, unsere Wurzeln prägen uns viel stärker als wir bewusst wahrnehmen.»

Übersetzung bei Kerzenschein

Zwingli selbst prägte sein enormer Wissensdurst: Der Sohn eines Gemeindeammanns studierte in Bern, Basel und Wien und beherrschte neben mehreren Musikinstrumenten auch verschiedene Sprachen. Haupt erzählt vom Besuch der Zentralbibliothek in Zürich, wo er Zwinglis Übersetzungen von Bibelstellen in der Hand halten durfte.

«Dort standen hebräische, altgriechische, lateinische und deutsche Textstellen nebeneinander, alle nachweislich in Zwinglis eigener Handschrift. Ich stelle ihn mir vor, wie er bei Kerzenschein Wort um Wort übersetzte und verglich. Wie passioniert muss jemand sein, der das tut?»

«Die Kirche muss sich wieder mehr einmischen»

Zwingli übersetzte nicht nur die Bibel auf Deutsch, er machte sich auch für die Alphabetisierung stark, damit die Gläubigen lesen konnten, was sie hörten. Und er bekämpfte vermeintlich unumstössliche Gebote wie das Fasten und vor allem das Zölibat. Haupt bezeichnet Zwingli als «eine Art urbaner Typ mit Bodenhaftung».

Das zeigt sich für den Filmemacher nicht zuletzt dadurch, dass Zwingli Position bezog und sich etwa für die Schwächeren einsetzte und das lebte, was er predigte – im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen. Haupt findet das heute noch aktuell: «Die Kirche muss sich wieder mehr einmischen. Wenn wir so hochhalten, dass wir Christen sind, dann müssen wir auch danach handeln.»

Mittelalter für ein breites Publikum:  Sara Sophia Meyer als Anna Reinhart und Max Simonischek als Zwingli. (Bild: Ascot Elite)

Ein Mensch mit Fehlern

Die Vorgabe der Produktionsfirma an den Filmemacher war klar: «Zwingli» sollte keine trockene Theologieabhandlung werden, sondern ein spannender Historienfilm für ein breites Publikum. Dennoch sei ihm wichtig gewesen, keinen «plumpen Film» zu drehen – ein Spagat also.

Im Film ist auch Zwingli nicht ohne Fehler. So thematisiert Haupt den brutalen Umgang mit den Täufern und zeigt, wie Zwingli als letzte Option für den Schutz des neuen Glaubens nur noch den Krieg sieht.

Haupt erklärt, es sei ihm wichtig gewesen, «keine überhöhte Heldengeschichte zu erzählen, sondern einen Menschen zu zeigen, der auf der Suche ist, der heftigen Ambivalenzen ausgesetzt ist und gleichwohl versucht, aufrecht zu sein und die bestmöglichen Entscheidungen zu fällen».

Kinostart: 17. Januar 2019

bref, das Magazin der Reformierten, hat die Filmproduktion ein Jahr lang begleitet. Entstanden ist ein Making-of, das auf den üblichen Gloss und Glamour des Genres verzichtet. Das Magazin erscheint am 11. Januar.