Zürcher lancieren Mammutprojekt zum Reformationsjubiläum

Der Zwingliverein in Zürich plant ein grosses, wenn nicht das grösste Projekt zum 500-jährigen Reformationsjubiläum in der Schweiz. Dabei sollen 500 Geschichten die Ereignisse und Auswirkungen der Reformation sichtbar machen. Warum der Verein dieses Projekt lanciert hat, sagt der Vereinspräsident und Grossmünster-Pfarrer Martin Rüsch im Interview.

Pfarrer Rüsch im Pfarrhaus am Zwingliplatz: «Ich meine nicht, dass wir dank dem Projekt mehr Kirchenmitglieder bekommen werden. Aber es wird die reformierte Kirche in einer anderen Art wachsen lassen.» (Bild: ref.ch)

Herr Rüsch, für den Zwingliverein ist das Projekt «500 Geschichten zur Reformation» Neuland, beschäftigte sich der Verein doch bisher mit der wissenschaftlichen Erforschung der Reformation. Warum nun ein Projekt, das sich an eine breite Öffentlichkeit wendet?

Anlass ist natürlich das Reformationsjubiläum. Zugleich wollten wir aber auf eine zugängliche Art und Weise Geschichte, Wirkung und Themen der Reformation in die Gesellschaft tragen. Die Idee des Projekts «500 Geschichten zur Reformation» ist bestechend einfach: Aus 500 Jahren Reformationsgeschichte entstehen 500 Geschichten, die einer breiten Öffentlichkeit erzählt werden sollen.


500 Geschichten – das sind wahnsinnig viele.

Auch wir hatten und haben Respekt vor der eindrücklichen Zahl. All diese Geschichten wollen ja auch erzählt sein. Allerdings wurde uns sehr rasch bewusst, wie viele Geschichten zu entdecken sind, so dass sich schnell die Gewissheit eingestellt hat, dass es an erzählenswerten Geschichten nicht mangelt. Letztlich wollen wir aber «um Gotts Willen etwas Tapferes tun». Deshalb machen wir uns auf den Weg – und dieser ist momentan unser Ziel.


Was für Geschichten werden erzählt?

Uns interessiert jede Geschichte, die fasziniert und interessiert. Und diese sollen so erzählt werden, wie es zu ihr passt. Oder konkreter: Die Form der Erzählung berücksichtigt die jeweilige Zielgruppe, wie beispielsweise für Senioren oder Jugendliche. Wie eine Geschichte erzählt wird, bleibt allerdings offen. Das kann provozierend, temporeich, intellektuell anspruchsvoll oder brav sein – wir wollen uns diesbezüglich nicht limitieren. Als Medium werden die «Bücher der Gegenwart» zum Einsatz kommen, also Computer, Tablets oder Smartphones.

 

«Ein Reformationsmuseum in der Stadt Zürich war kurz ein Thema. Wir liessen die Idee aber wieder fallen.»


Die brave Geschichte zu Zwingli vor der Wasserkirche wird es aber auch geben.

Klar. Aber selbst da stellt sich die Frage, ob diese Geschichte wirklich so brav ist. Denn Zwingli hätte sich – so denke ich – über das Denkmal nicht wirklich gefreut. Also sind wir schon wieder in einer Geschichte gelandet, die erzählt sein will. Neben historischen Geschichten wollen wir allerdings auch jenen viel Platz einräumen, welche Erfahrungen und Perspektiven des reformierten Glaubens zum Thema haben. Fragen wie «Wo wirkt die Reformation heute noch in der Gesellschaft?» oder «Wo stehen die reformierten Kirchen und wie könnte ihre Zukunft aussehen?» sollen genauso zum Zuge kommen.


Spätestens im 2019 sollen alle Geschichten unter www.1519.info publiziert werden, im öffentlichen Raum ist dagegen nichts geplant. Wäre ein sichtbarer Ort, wie beispielsweise ein Zürcher Reformationsmuseum, nicht wirksamer, um die Reformation zu thematisieren?

Ein Museum war kurz ein Thema, wir liessen die Idee aber wieder fallen. Erstens können wir mit einem Museum nicht die von uns gewünschte breite Öffentlichkeit gewinnen. Zweitens ist der Unterhalt kostenintensiv und drittens geht mit einem Museum auch viel Dynamik und Partizipation verloren – und gerade diese suchen wir mit unserem Projekt. Wir wollen unbedingt eine Auseinandersetzung mit dem Thema und dabei möglichst viele Lebenswelten erreichen. Ein statisches Museum stünde dieser Idee schon fast diametral entgegen.


Was reizt Sie persönlich an diesem Projekt?

Mich reizt die Vorstellung, dass wir über Geschichten wieder neu mit der Geschichte in Berührung kommen. Und damit auch mit der Frage nach dem, was heute oder zukünftig an diesem Glauben relevant sein könnte. Ich meine nicht, dass wir dank dem Projekt mehr Kirchenmitglieder bekommen werden. Aber es wird die reformierte Kirche in einer anderen Art wachsen lassen.


Inwiefern?

Auch wenn wir uns dessen nicht mehr so bewusst sind: Die Reformation hat in fast allen Lebensbereichen unserer Gesellschaft starke Spuren hinterlassen. Überall sind die Auswirkungen der Reformation zu finden. Denken wir an unser Sozialfürsorgesystem oder an das Banken- und Versicherungswesen. Aber auch die Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit und Verbindlichkeit vieler Schweizer ist nicht naturgegeben. All dies hat viel mit unserer Mentalitätsgeschichte zu tun – und diese wiederum so einiges mit der Schweizer Reformation.

 

«Die Reformation ist ein Paradebeispiel einer Netzwerk-Geschichte.»


Das Projekt wird vom reformierten Stadtverband Zürich, Privatpersonen und dem Lotteriefond des Kantons Zürich finanziert, die Projektkosten sollen über eine Million Franken betragen. Warum ist das Projekt so teuer?

Das Projekt ist wertig und wird Geld kosten, aber teuer ist es nicht. Wenn Maschinen und Bauten erstellt werden, darf das seinen Preis haben. Wenn dem so ist, dürfen wohl auch Inhalte – ohne die jene Maschinen und Bauten tot sind – ihren Preis haben. Ja, wir investieren Geld in unsere Inhalte. Die Zusage der Gelder vom Lotteriefonds steht zwar noch aus. Aber wir haben positive Zeichen erhalten, dass wir das Geld zugesprochen bekommen.


Warum sollte das Projekt auch Menschen ausserhalb von Zürich interessieren?

Weil die Reformation ein Paradebeispiel einer überaus wirksamen Netzwerk-Geschichte ist. Es war Zwingli, der vor 500 Jahren die Schweizer Reformation erfunden und sie in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs verbreitet hatte. Das gelang ihm nur, weil er mit vielen Personen im Kontakt war.  Dadurch konnte das, was in Zürich geschah, auch in vielen Kantonen und Regionen bedeutsam werden. Später trug dann Zwinglis Nachfolger Bullinger die Ideen in unzähligen Briefen weit nach Europa hinaus. Am Ende waren all diese wechselseitigen Kontakte entscheidend. Wir stehen deshalb auch heute bereits mit anderen Kantonen und mit Vertretern aus dem Ausland im Kontakt, um das Projekt bestmöglich zu vernetzen.


Zu guter Letzt: Angenommen jemand hat eine Idee, wie gelangt diese zu Ihnen?

Zur gegebenen Zeit werden wir auf der Projekt-Website klar ersichtlich kommunizieren, in welcher Form Ideen für Geschichten eingereicht werden können. In diesem Jahr testen wir allerdings noch mit einigen wenigen Ideen, wie diese zu einer fertigen Geschichte werden. Uns ist aber klar: So bestechend einfach die Idee mit den 500 Geschichten ist, so komplex wird die gesamte Projektorganisation sein.

 

Informationen zum Projekt «500 Geschichten zur Reformation», inklusive Newsletter-Anmeldung

Der Zwingliverein im Internet

 

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Oliver Demont / ref.ch