Eine halbe Autostunde von Konstanz liegt im Thurgau die evangelische Kirchgemeinde Leutmerken. Nicht einmal 250 Mitglieder zählt sie. Jene im wenige Minuten entfernten Lustdorf nur knapp über 300. Immer wieder stossen die beiden Gemeinden an Grenzen: «Es ist nicht nur eine riesige Herausforderung, Behördenmitglieder zu finden. Es wird auch schwieriger, Pfarrpersonen für die Konstellation mit zwei 40-Prozent-Stellen zu begeistern», erklärt Peter Krattiger.
Der Präsident der Kirchgemeinde Leutmerken suchte deshalb vor drei Jahren das Gespräch mit den Verantwortlichen der Kirchgemeinde Lustdorf. Resultat war das Komitee «Zukunft Kirche», in dem man sich intensiv mit neuen Wegen beschäftigte. Auch die Nachbargemeinden Bussnang und Thundorf-Kirchberg schlossen sich an.
Das Komitee wandte sich an einen Gemeindebauberater, zog die Kirchbürgerinnen und -bürger von Anfang an mit ein und diskutierte mit ihnen Varianten. Als breit abgestützt kristallisierte sich jene Vorlage heraus, die nun am 11. Juni zur Abstimmung gekommen ist. Sie wurde von allen vier Kirchbürgerschaften mit grossem Mehr – zum Teil sogar einstimmig – angenommen. Sie sieht vor, dass die Kirchgemeinden Bussnang und Leutmerken zur neuen Kirchgemeinde Bussnang-Leutmerken fusionieren und sich Lustdorf und Thundorf-Kirchberg zur Kirchgemeinde Thunbachtal zusammenschliessen. Auf Januar 2016 sollen die beiden Fusionen vollzogen sein.
Überzeugungsarbeit gefragt
So wie den vier Kleingemeinden im Thurgau geht es vielen in der Schweiz: Sie sind zu klein zum Leben, aber zu gross zum Sterben. Abstimmungen wie jene in den vier Thurgauer Kirchgemeinden wird es in Zukunft häufiger geben, ist Charles Landert überzeugt. Der Frauenfelder Sozialforscher berät Kirchgemeinden bei Fusionen. So hat er auch am geplanten Zusammenschluss der 33 Stadtzürcher Kirchgemeinden mitgewirkt. Für Landert ist klar: «Eine Fusion ist für viele Kirchgemeinden aus ökonomischen und organisatorischen Gründen schlicht unumgänglich.»
Grund dafür sei die gesellschaftliche Entwicklung. So rechnet er damit, dass die reformierte Kirche innerhalb der nächsten 20 Jahre einen Drittel ihrer Mitglieder verlieren wird. Eine Fusion könne die Funktionen der alten Kirchgemeinden aufrechterhalten, und Synergien können genutzt werden. Landert: «Die Kirchgemeinden stehen vor der Aufgabe, angemessen auf die soziale Vielfalt innerhalb ihres Gebiets zu reagieren und Mitglieder sowie Mitarbeiter von der Aufhebung der alten Grenzen zu überzeugen.» Der Fusionsprozess der vier Thurgauer Kirchgemeinden könnte dabei als Vorbild dienen.
Landeskirche involviert
Denn er wurde nicht nur nahe an der Kirchbürgerschaft entwickelt, sondern von Anfang an auch mit der Landeskirche Thurgau abgesprochen. In einer Stellungnahme schreibt Kirchenratspräsident Wilfried Bührer, er begrüsse, dass die Kirchgemeinden die Zukunft offen angehen. «Für den Kirchenrat ist das Wichtigste, dass das kirchliche Leben sich entfalten kann; die Strukturen sind grundsätzlich veränderbar.»
Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».
Cyrill Rüegger / Roman Salzmann / kirchenbote-online.ch