Wokeness als neue Religion? Was dagegen spricht
Es ist gerade en vogue, Wokeness als neue Religion zu bezeichnen. Die Bewegung, die soziale Gerechtigkeit fordert, sei zu einem Glauben ohne Gott geworden, so das Narrativ, das gerade durch zahlreiche Medien geistert.
Angefeuert wird es von Intellektuellen, die nicht müde werden, vor den angeblichen Gefahren zu warnen. Beispiele sind der französische Schriftsteller Pascal Bruckner («eine Art Religion universitärer Kreise»), der Intellektuelle John McWhorter («Die Erwählten»), der Philosophieprofessor Jean-Francois Braunstein («La réligion woke») und der Historiker Niall Ferguson («eine verrückte Religion»).
Sie begründen den Religionsvergleich damit, dass Aktivisten der Bewegung sich für Erwählte hielten und gemeinsame Rituale einübten. Diese würden jenen von religiösen Fundamentalisten ähneln. Ausserdem würden Aktivisten «Ungläubige» bekehren wollen. Falls dies nicht gelinge, stellten sie sie in den Sozialen Netzwerken an den Pranger – so wie einst Kirchen die Ketzer.
Das Narrativ der Wokeness als neue Religion wird von vielen Medien unkritisch übernommen – es klingt fast zu gut um wahr zu sein. Doch wer sich ernsthaft mit der Frage auseinandersetzt, findet zahlreiche Argumente, die gegen die hochtrabende These sprechen. Wir haben vier davon zusammengetragen.
Äpfel und Birnen
Die Kritiker beschreiben die Woke-Aktivisten ausschliesslich mit Ausprägungen, die diese mit Religion teilen. Dazu gehören beispielsweise die Erbsünde (im Antirassismus das «weisse Privileg»), die Ächtung von Ketzern (Shitstorms über soziale Netzwerke) oder der Missionierungseifer. Ein solcher Vergleich über Gemeinsamkeiten statt Unterschiede ist allerdings unredlich: Äpfel und Birnen, beides Früchte, beide süss, wachsen an Bäumen. Und doch sollten wir Äpfel eben sprichwörtlich nicht mit Birnen vergleichen.
Tut man es doch, wird alles Mögliche zur Ersatzreligion. Alleine in den letzten Monaten bezeichneten Schweizer Medien als solche: Veganismus, Fussball, Klimaschutz, Fasten, Verschwörungstheorien, Popmusik, Horoskope, den Glauben an Ausserirdische, Marxismus, den Newsletter des Onlinemagazins «Republik» und Skifahren in Österreich.
Wer vergleicht, sollte auch Unterschiede betrachten. Der vielleicht Augenfälligste: Die allermeisten Aktivisten engagieren sich ja nicht primär wegen eines Kults oder gemeinsam ausgeübter Rituale. Sondern weil sie tatsächlich soziale Gerechtigkeit schaffen, den Rassismus bekämpfen oder das Klima schützen wollen. Wer sich hingegen einer Religion zuwendet, so darf man vermuten, tut dies in erster Linie wegen seines Glaubens. Oder aber um Antworten zu finden auf «die letzten Fragen des Woher und Wohin von Welt und Mensch», wie es der schottische Religionssoziologe Steve Bruce ausdrückt.
Der Fokus aufs Extreme
Woke bedeutet im Englischen so viel wie «wach» oder «aufgeweckt». Er steht für ein Bewusstsein für soziale Ungerechtigkeit oder die eigenen Privilegien. Heute allerdings ist der Begriff durchwegs abwertend gemeint. Es werden Extrembeispiele von «Woken» gezeichnet, die es in der Realität allerdings nur äusserst selten gibt: Menschen, die den Genderstern gesetzlich verankern, Pippi Langstrumpf-Bücher aus den Bibliotheken entfernen oder Weissen das Tragen von Dreadlocks verbieten wollen. Doch wer kennt tatsächlich solche Menschen? Die Soziologin Franziska Schutzbach spricht von einer «Verschwörungserzählung», in der «diffuse, nicht weiter definierte, aber als mächtig dargestellte Akteur:innen» walten und «allgemeine Verbote und Regeln verhängen» würden.
Verglichen werden diese imaginären Radikalen sodann mit religiösen Fanatikern, die sich für Auserwählte halten, missionieren und Nicht-Gläubige an den Pranger stellen. Kurz: Wer Radikale miteinander vergleicht, der findet Gemeinsamkeiten. Erstaunlich ist das nicht. Und repräsentativ für soziale Bewegungen oder Religionen schon gar nicht.
Der rhetorische Trick
Ein Vergleich gibt vor, etwas so treffend wie nur möglich zu beschreiben. Doch Vergleiche mit Religionen sind in den meisten Fällen wertend, und das oft negativ. Alle möglichen negativen Begleiterscheinungen des Glaubens werden auf Aktivisten projiziert: Ideologieanfälligkeit und Eifer, Abgrenzung und Auserwählungsbewusstsein, Fanatismus und Dogmatismus. Der österreichische Theologe Kurt Remele nennt diesen rhetorischen Trick «persuasive Kennzeichnung». Persuasiv meint die Kunst, zu überreden.
Religion ist auch kein Sport
Wäre Wokeness eine Ersatzreligion, dann müsste umgekehrt auch gelten: Religion ist ein Ersatz für Wokeness. Dass darin ein logischer Fehler steckt, leuchtet schnell ein. Vor allem, wenn man den Umkehrschluss weitertreibt und weitere Phänomene ins Auge fasst, zu denen gerne Religionsvergleiche gezogen werden. Nehmen wir zum Beispiel Fussball: Wie Religion kann auch Sport Sinn stiften. Es werden gemeinsam eingeübte Rituale praktiziert, Emotionen werden geweckt und vielleicht motiviert der Sport sogar, andere zu «bekehren». Und doch ist Fussball per Definition eben keine Religion. Das vielleicht einleuchtendste Argument dafür ist auch hier der fehlende Umkehrschluss: Wer religiös wird, dürfte deswegen ja auch nicht auf Sport verzichten – oder sollte es zumindest besser nicht.
Dieser Artikel ist eine Zusammenstellung aus dem Essay «Tugendhaft performen», das zuerst im bref erschienen ist. Wie ref.ch zählt auch das bref Magazin zu den publizistischen Produkten der Reformierten Medien.