Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz

«Wir stehen an einem Wendepunkt»

Wie steht es um das Verhältnis von Romands und Deutschschweizern innerhalb der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS)? Der Walliser Didier Halter hatte bei seinem Rücktritt ein düsteres Bild gezeichnet. Andere Westschweizer relativieren, sehen aber auch Handlungsbedarf.

Blick in die EKS-Synode vom Juni. (Bild: EKS-EERS / Nadja Rauscher)

Aus Protest war Didier Halter Anfang November von seinem Amt zurückgetreten. Er wolle nicht mehr das «westschweizer Alibi» einer Institution sein, in der es für Romands eine «gläserne Decke» gebe, so der Co-Präsident der Liturgiekommission der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS). Schon seit Längerem würden in der EKS Entscheidungen getroffen, ohne dass die französischsprachigen Kirchen einbezogen würden. Dies habe nicht nur dazu geführt, dass sich die Romands zurückgezogen hätten, sondern habe ihn auch persönlich ermüdet. «Ich glaube nicht mehr daran, dass die EKS glaubwürdig eine Gemeinschaft unter den Mitgliedkirchen lebendig werden lassen kann», sagte Halter gegenüber ref.ch.

Kaum westschweizer Kandidaturen

«Wir stehen an einem Wendepunkt», sagt auch Laurent Zumstein, Synodalrat und EKS-Synodaler aus der Waadt. Die neue Verfassung der EKS biete zwar Chancen. Es sei jedoch entscheidend, dass die noch zu definierenden Handlungsfelder nun zu «echten, für alle nützlichen Plattformen des Austauschs» würden. Im Bereich Diakonie, in dem die Kirche die nationale Bündelung bereits erprobt hat, ist dies aus Zumsteins Sicht nicht gelungen. Die Reflexion über die Diakonie sei in den vergangenen zwei Jahren eine eher deutschschweizer Angelegenheit gewesen. Dies dürfe sich in anderen Themenfeldern so nicht wiederholen.

Kritik übt Zumstein aber vor allem an den westschweizer Kirchen selbst. So falle es ihnen schwerer, sich im Vorfeld der Synoden zu koordinieren und gemeinsame Strategien zu entwickeln. In der Deutschschweiz hingegen hätten sich diese Absprachen etabliert.

Ausserdem seien die Romands mit dafür verantwortlich, dass das Präsidium der EKS seit 35 Jahren in deutschschweizer Hand ist – sie hätten bis zu diesem Jahr schlicht zu wenige Kandidaturen hervorgebracht. Zuletzt hatte seine Kirche zwar die Pfarrerin Isabelle Graesslé aufgestellt. Sie war bei der Wahl am 2. November aber klar der Zürcher Kandidatin Rita Famos unterlegen – der Umstand, der für Didier Halter das Fass zum Überlaufen gebracht hatte.

Wichtige Aufgaben der EKS

Weniger drastisch sieht die Situation Christian Miaz, Neuenburger Synodalratspräsident und ab kommendem Jahr Vizepräsident der EKS-Synode. Es stimme zwar, dass einige Leute in der Romandie sich fragen würden, was die EKS ihrer Kirche bringt. Sie seien sich jedoch deren Bedeutung zu wenig bewusst. «Die Arbeit der EKS ist für kleine Kirchen wie unsere etwa im Hinblick auf theologische Stellungnahmen zu Initiativen oder sozialen und rechtlichen Fragen wichtig», sagt Miaz. Zudem übernehme sie eine koordinierende Aufgabe für die Mitgliedkirchen und bei deren Vertretung gegenüber den Bundesbehörden.

Auch die Nicht-Wahl von Isabelle Graesslé sieht Miaz gelassen. Dieses Risiko bestehe immer, da für das Amt keinerlei Rotation oder Abwechslung in Bezug auf Herkunftsregionen vorgeschrieben sei. «Der Gesamtrat, das Synodebüro und die verschiedenen Kommissionen sind ausserdem genauso wichtig für die Vertretung der Westschweizer Interessen wie das Präsidium. Und hier sind die Romands vertreten», sagt Miaz.

Ein differenziertes Bild

Ein gewisses Verständnis für Didier Halters Sicht äussert zwar Georges Bolay; einen Rückzug der Romands könne er indes nicht feststellen. Bolay war bereits zwischen 2005 und 2009 Präsident der Genfer Kirche und hat das Amt in diesem Sommer erneut angetreten. Zudem vertritt er seine Kirche nun auch in der Synode der EKS. Er betont, dass er in den dazwischenliegenden elf Jahren nicht an der Spitze der Kirche tätig war und seine Antworten deswegen wenig repräsentativ seien. Für ihn seien aber die Signale der neuen Präsidentin Rita Famos beruhigend: «Ich habe verstanden, dass sie den verschiedenen Identitäten unserer Kirchen Gehör schenkt, und darüber freue ich mich», sagt Bolay.

Die Analyse der Situation ergibt ein differenziertes Bild. Und auch wenn die drei EKS-Synodalen nicht von einem Röstigraben sprechen mögen, so sehen sie doch Unterschiede zwischen den beiden Regionen. So sagt Laurent Zumstein, dass etwa die Affäre um den zurückgetretenen Präsidenten Gottfried Locher in der Romandie kaum aufgegriffen wurde, während sie in der Deutschschweiz immense Bedeutung erlangte. «Andere Nähe, andere Sensibilität», so Zumstein.

Dem pflichtet Christian Miaz bei: «Es gibt unterschiedliche kulturelle Empfindlichkeiten.» Diese seien zwar nicht per se hemmend. Damit sie für die Institution positiv wirken könnten, brauche es allerdings stetige Beratung und Zusammenarbeit, so Miaz.