«Wir stehen am Anfang eines gemeinsamen Wegs»
Die Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS), Rita Famos, hatte vor einem Jahr deutliche Worte gewählt: Sie fürchte «eine konfessionelle Schieflage» angesichts der Eröffnung einer Schweizer Botschaft im Vatikan. Am Freitag, 6.Mai, ist nun ebendiese Botschaft eröffnet worden. Zur Feier sowie zur Vereidigung der neuen Schweizer Gardisten war auch Famos eingeladen. Im Anschluss schlug sie versöhnliche Töne an: «Unsere Kritik ist angekommen, wir haben den Anfang eines gemeinsamen Wegs gemacht.»
Ein Kritikpunkt war die Intensivierung der Zusammenarbeit des Eidgenössischen Amts für auswärtige Angelegenheiten (EDA) mit dem Heiligen Stuhl. Durch die Botschaft soll die gemeinsame Friedensarbeit mit der römisch-katholischen Kirche vertieft werden. Famos war besorgt, dass dadurch die anderen Religionsgemeinschaften in der Schweiz vernachlässigt werden könnten.
Dabei habe gerade die reformierte Kirche einiges zu bieten: «Wir können viel zu der Friedensmission des EDA beitragen, wir pflegen über unsere Partnerorganisationen zahlreiche Kontakte zu Ländern, in denen auch das EDA aktiv ist.» Famos erwähnt den Nahen Osten oder Osteuropa. Mit dem Leiter der Abteilung Frieden und Menschenrechte, Botschafter Simon Geissbühler, wurde inzwischen vereinbart, dass im September eine «table ronde» zwischen Vertretern der EKS und des EDA stattfinden soll.
Reformierte stehen für Gleichstellung ein
Famos nahm auch Stellung zur geäusserten Kritik an der finanziellen Beteiligung des Bundes an der geplanten Renovation der Schweizergarde-Kaserne. Sie könne verstehen, dass die Schweizergarde eine Art Visitenkarte der Schweiz sei. Problematisch sei, dass der Bund eine Organisation mitfinanziere, die Frauen diskriminiere. Dies habe sie beim Besuch festgehalten: «Mir war es in den Gesprächen wichtig zu zeigen, dass die Schweiz auch Werte wie Partizipation, Demokratie und Gleichstellung hochhält, für die auch die Reformierten einstehen.» Diese Botschaft sei sehr positiv aufgenommen worden, glaubt Famos. Der Entscheid über die Aufnahme von Frauen in die Schweizergarde liegt allerdings beim Papst.
Für Famos haben auch die vielen Gespräche vor Ort zur Entspannung beigetragen. So traf die EKS-Präsidentin neben dem Botschafter am Heiligen Stuhl, Denis Knobel, auch den Schweizer Kardinal Kurt Koch und tauschte sich mit ihm etwa über das Verhältnis zur russisch-orthodoxen Kirche aus.
Dieses Thema betrifft auch die EKS: An der Synode vom 12. bis 14. Juni wird entschieden, ob sich die EKS für den Ausschluss der russisch-orthodoxen Kirche aus dem Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) einsetzen soll. Auch die römisch-katholische Kirche steckt in dem Dilemma, dass sie einerseits die Legitimierung des Kriegs durch den Moskauer Patriarchen Kyrill verurteilt, andererseits aber den Kontakt nicht abreissen lassen will.
«Wir haben kein globales Einfallstor»
Diese Beziehungspflege mit der römisch-katholischen Kirche in Rom und den Botschaftern lohne sich für die Schweizer Reformierten, ist die EKS-Präsidentin überzeugt. Denn manchmal sei es für die reformierten Kirchen schwieriger, wahrgenommen zu werden. «Wir haben kein Einfallstor auf globaler Ebene, sondern sind viel föderalistischer organisiert. Da braucht es mehr Effort, um im Gespräch zu bleiben und die Stärken unserer Kirche sichtbar zu machen.»
Doch nun sei die Basis dafür geschaffen. Als Beispiel nennt Famos die geplante «table ronde». «Ich habe festgestellt, dass das EDA unsere Kritik nicht nur wahrnimmt, sondern unsere Anliegen auch umsetzt. Wir sind auf einem guten Weg.» (mos)