«Wer nie am Glauben zweifelt, hadert später mehr»
Sie haben viele soziologische Texte geschrieben. In Ihrem neuen Buch «Mein Bruder Marco» schreiben Sie Ihrem toten Bruder einen Brief. Ist das nun Gesellschaftsanalyse oder Trauerbewältigung?
Es hat etwas von beidem. Natürlich geht mir Marcos Schicksal nahe. So gesehen ist das Buch eine Art Verarbeitung. Ich habe aber auch schon häufig wissenschaftlich mit dem biografischen Ansatz gearbeitet. In Biografien von Menschen, die wenig auffallen, entdeckt man stets viel Besonderes. Vieles, was sich im Persönlichen ausdrückt, sagt auch etwas über die Gesellschaft aus, in der wir leben.
Was ist das im Fall Ihres Bruders?
Der gesellschaftliche Suchtmechanismus zeigt sich in seiner Biografie sehr deutlich. Wir sind eine geld- und konsumgetriebene Gesellschaft. Genug ist nie genug. Bei der Alkoholabhängigkeit kommt das stark zum Ausdruck. Ich wollte wissen: Wie kann es dazu kommen, dass jemand wie Marco, der so erfolgreich ins Leben startet, in etwas Selbstdestruktives wie Alkoholsucht kippt? Das ist ein Schicksal, mit dem er nicht alleine ist. Auch Marcos Widerstand gegenüber Therapien, die Unterschätzung der Wirkung des Alkohols und die eigene Überschätzung sind typisch – und fatal.
Ueli Mäder (72) war Professor für Soziologie an der Universität Basel. Seit 2016 ist er emeritiert. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehörte unter anderem die Soziale Ungleichheit. Aufgewachsen ist er in einer Grossfamilie in Sissach (BL).
Ihr Bruder war sehr talentiert, im Handball als auch intellektuell. «Manche sehen dich als Bundesrat», heisst es im Buch. Dann entwickelte sich alles ganz anders, er wählte den Weg als Randständiger. Wie kann das passieren?
Ein Selbstläufer wird das Leben nicht, auch wenn alles gut aufgegleist ist. Wir leben nicht mehr in der industriellen Moderne, die uns vordergründige Gewissheiten gab, was richtig ist und was falsch. In der heutigen pluralisierten Gesellschaft ist es schwieriger geworden, sich selbst zu finden, und das führt zu Verunsicherung. Wir müssen eine gewisse Ambivalenz zulassen können. Das macht das Leben nicht einfacher, aber stimmiger.
Es fällt auf, dass Ihr Lebenslauf sehr gegensätzlich ist im Vergleich zu jenem Ihres Bruders. Zwar war auch Ihnen der Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit stets ein Anliegen. Sie jedoch machten Karriere, wurden Professor. Worin unterscheiden Sie sich von Ihrem Bruder?
Was unsere Sichtweisen betrifft, waren wir uns stets sehr ähnlich. Jedoch wäre sein Schicksal wohl eher mir prognostiziert gewesen. Ich eckte früh an, war nicht besonders gut in der Schule. Ganz im Gegenteil zu Marco, der ein Sonntagskind war, dem vieles sehr leichtfiel. Vielleicht war es ein Vorteil für mich, dass ich stets kämpfen und mich durchsetzen musste, was meine Widerstandsfähigkeit stärkte. Auf der anderen Seite profitierte ich sicher auch in seinem Windschatten. Unsere unterschiedlichen Lebensläufe haben sicherlich auch mit Zufälligkeiten im Leben zu tun – wie wir geboren werden, welche Ereignisse uns prägen. Diese Botschaft ist mir wichtig.
Für das Buch haben Sie sehr Intimes ausgewertet. So zitieren Sie zum Beispiel Briefe oder Schulaufsätze Ihres Bruders, das Tagebuch der Eltern sowie Gespräche mit Verwandten und Weggefährten. Wie haben Ihre Brüder und Schwester auf die Veröffentlichung reagiert?
Unterschiedlich. Zwei Geschwister fanden, das sollte nicht an die Öffentlichkeit, wollten mir aber nicht im Weg stehen. Zwei weitere empfanden das Buch als schöne Hommage an Marco. Unterschiedliche Meinungen waren in unserer Grossfamilie immer normal, gerade auch auf Randständigkeit. Unser Vater war Alkoholfürsorger, er pflegte zuhause ein offenes Haus. So sassen viele Randständige am Familientisch. Die einen störte das. Marco und ich fanden das toll.
Im Buch schildern Sie, dass Ihre Eltern sehr gläubig waren. Sie hätten auf den Knien gebetet und täglich in der Bibel gelesen, schreiben Sie. Inwiefern hat das Ihren Bruder geprägt? Und inwiefern Sie?
Marco war die Religion näher als mir. Dass er schon früh gläubig war, kann man aus seinen Schulaufsätzen herauslesen. Er studierte Theologie auch nicht wegen der Eltern, sondern weil ihn das Fach interessierte. Ich hingegen entwickelte schon als Kind eine kritische Distanz zum christlichen Hintergrund der Familie. Ich nahm früh Unstimmigkeiten wahr zwischen dem, was postuliert und wie dann gelebt wurde. Wobei meine Eltern ernsthaft versuchten, ein gutes Leben zu führen. Heute denke ich aber, dass das christliche Milieu vielleicht seinen Teil zur Alkoholsucht meines Bruders beigetragen hat.
Wie meinen Sie das?
Für die Recherche zum Buch sprach ich ausführlich mit einer Psychiaterin über dieses Thema. Im Religiösen sind sogenannte Über-Ich-Aspekte sehr stark angelegt. Also Einflüsse von moralischen Werten und Normen, die von unseren Eltern oder der Gesellschaft stammen. Diese wiederum kollidieren mit dem Triebhaften, also in diesem Fall das Verlangen nach Alkohol. Es erfordert einiges an Ich-Stärke, um diesem Verlangen standzuhalten. Ein weiterer Punkt ist, dass im Christentum, so wie ich es wahrnehme, auch eine Art Überhöhung mitspielt. Dieses Gefühl, über anderen zu stehen, sorgt für Selbstwert. Jedoch gibt es auch eine Kehrseite. Denn wer den Glauben nicht infrage stellt, der hadert später mehr damit, wenn die Zweifel kommen. Die Sinnfrage stellt sich dann umso mehr.
Sie führten viele gemeinsame Gespräche auf Spaziergängen, wie Sie beschreiben. Einmal zitierte Ihr Bruder den Theologen Dietrich Bonhoeffer mit dem Satz: «Das Schlimmste kann das Schweigen der Guten sein.» Was meinte er damit?
Bonhoeffer wurde in unserer Familie hoch wertgeschätzt. Dieser bezahlte bekanntlich einen hohen Preis für seine Überzeugungen (er wurde 1945 im KZ von den Nationalsozialisten hingerichtet, die Red.). Wer sich an solchen ausserordentlichen Biografien orientiert, für den ist das eigene privilegierte einfache Leben schwierig auszuhalten. Marco hat solches Leiden mit Alkohol kompensiert. Aber zurück zu Ihrer Frage: Die Botschaft des Zitats ist sehr einfach: Viele gute Menschen schweigen sich grosszügig über Dinge aus, die man ansprechen müsste. Diesen Vorwurf machte Marco auch der Kirche, die er für zu machtkonform hielt. Das war einer der Gründe, warum er sein Theologie-Studium kurz vor dem Abschluss schmiss und nicht Pfarrer wurde. Ich war darum lange überzeugt, dass Marco zur Kirche ausgetreten ist. Doch kurz vor der Beerdigung erfuhr ich, dass er bis zu seinem Tod 2013 Mitglied der reformierten Kirche blieb.

Ueli Mäder: «Mein Bruder Marco». Rotpunktverlag, Zürich, 2024; 190 Seiten; 29 Franken.