Auf den Flügeln der Sprachkunst

Er war ein poetischer Himmelsstürmer und ist am Leben gescheitert: Vor 250 Jahren wurde der Dichter Friedrich Hölderlin geboren. Sein Leben war geprägt von Aufbrüchen und einer unglücklichen Liebe.

Eine Skulptur des Künstlers Waldemar Schröder, die Friedrich Hölderlin darstellt, im baden-württembergischen Nürtingen. (Bild: Keystone / Marijan Murat)

Ein Turm am Ufer des Neckars in Tübingen: Hier lebte der Dichter Friedrich Hölderlin (1770-1843) die letzten 36 Jahre seines Lebens. Mit der Diagnose «unheilbar» und «geistig umnachtet» hatte ihn der Mediziner Johann von Authenriet 1807 aus psychiatrischer Behandlung entlassen. Hölderlin zog als Pflegling in den Wohnturm des Schreiners Ernst Zimmer: Unten war die Werkstatt, im ersten Stock wohnte die Familie und oben im Turmzimmer mit fünf Fenstern der Dichter.

Ob Hölderlin wirklich «geistig umnachtet» war, kann aus heutiger Sicht nicht beurteilt werden. Seinen Zeitgenossen erschien er wohl als sonderbarer Aussenseiter, für die Nachwelt ist Hölderlin einer der grossen deutschen Dichter – sprachlich genial, seiner Zeit voraus. «Kaum ein anderer Dichter hat die deutsche Sprache so bereichert wie Hölderlin; kaum einer fordert bis heute die Literatur und die Künste so heraus», schreibt das Deutsche Literaturarchiv Marbach.

Sein 250. Geburtstag wird mit einem Jubiläumsjahr gefeiert, unter anderem mit einer Ausstellung im neu gestalteten Hölderlinturm in Tübingen und in Lauffen am Neckar. Hier kam Johann Christian Friedrich Hölderlin am 20. März 1770 zur Welt. Der Sohn eines früh verstorbenen Klosterhofmeisters und einer pietistischen Pfarrerstochter sollte nach dem Willen der Eltern Pfarrer werden.

Mit einem Stipendium kam er an das theologische Stift der Universität Tübingen, wo er einen Freundschaftsbund mit dem gleichaltrigen Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Friedrich Schelling schloss. Die Studenten beschäftigten sich begeistert mit Immanuel Kants Philosophie der Aufklärung und der Französischen Revolution von 1789. Und keiner wollte den Beruf des Pfarrers ergreifen.

Eine unglückliche Liaison

Hölderlin blieb für seinen Lebensunterhalt nur die «Hausmeisterei», das hiess: die Sprösslinge wohlhabender Familien zu unterrichten. In der ersten Familie schwängerte er eine Hausangestellte, in der nächsten dann verliebte er sich in Susette, die Frau des Frankfurter Bankiers Jacob Gontard. Sie erwiderte die Liebe des Dichters, Gontard jedoch unterband die Beziehung und Hölderlin floh gedemütigt nach Bad Homburg zu seinem Studienfreund Isaak von Sinclair. Susette Gontard war die Liebe seines Lebens, Vorbild der idealisierten «Diotima» in seinem Roman «Hyperion».

Hölderlin floh häufig, wenn er sich überfordert fühlte: Schon 1795 aus Jena, wo er von Friedrich Schiller gefördert worden war, aber fürchtete, sein Vorbild enttäuscht zu haben. «Sie können mich nicht brauchen», schrieb er damals an einen Freund. Auch aus Bordeaux, wo er 1802 Hauslehrer war, lief er davon und kehrte ein paar Monate später verwahrlost nach Stuttgart zurück. Bis heute weiss niemand, was damals geschehen war.

In die Psychiatrie verfrachtet

Nach der Trennung von Susette wurde bei ihm «Hypochondrie» festgestellt, nach dem frühen Tod der Geliebten im Juni 1802 stürzte sich Hölderlin, der längst zum Dichter avanciert war, zunächst in die Arbeit. Er übersetzte die griechischen Dichter Sophokles und Pindar, der zu einem poetischen Vorbild wurde. Als er mit Sinclair irrtümlich in einen Hochverratsprozess geriet, verfiel er in eine Psychose.

Jähzornig war Hölderlin schon immer gewesen. Nun aber attestierte ihm ein Bad Homburger Arzt «Wahnsinn und Raserei». Mit Gewalt wurde er in die Psychiatrie des Uniklinikums Tübingen gebracht und einer Zwangsbehandlung in einem «Pallisadenzimmer» – Vorläufer der Gummizelle – unterzogen. Nach einem knappen dreiviertel Jahr entliess ihn Chefarzt Autenrieth, Hölderlin lebte bis zu seinem Tod im Turm und empfing dort zahlreiche illustre Besuche.

«Hätte sie den Sohn ausgezahlt, so wäre Hölderlins Leben sicherlich anders verlaufen», resümiert Biograf Rüdiger Safranski mit Blick auf die Mutter des Dichters. Sie hatte dessen reiches Erbe nie hergegeben.

Suche nach der göttlichen Schönheit

Der Titel seines einzigen Romans, «Hyperion», sagt viel über Hölderlin: Denn der Titan Hyperion war der Vater des griechischen Sonnengottes Helios und der Grossvater jenes Phaeton, dem die Sonnenpferde auf der Himmelsbahn durchgingen, als er zu hoch hinaus wollte. Tatsächlich liegt dem Roman laut Vorwort das Bild der «exzentrischen Bahn» des Menschen zugrunde, der von der Natur immer wieder zurechtgewiesen wird.

In «Brod und Wein» preist Hölderlin Griechenland als antiken Sehnsuchtsort. Rüdiger Safranski nennt das Gedicht «die schönste und gewaltigste Elegie deutscher Sprache». In seinem Hölderlin-Buch fragt er nach dem «göttlichen Feuer», das den Dichter antrieb, nach dem «Offenen» zu suchen – der göttlichen Schönheit, die sich die Griechen, wie Hölderlin glaubte, als Lebensprinzip erkoren hatten.

Sein Hyperion sucht den Tod in der Schlacht. Er überlebt, betrauert die geliebte Diotima als verlorenes Inbild der Schönheit – und akzeptiert zuletzt die schmerzhaft korrigierende Natur, die den verbotenen Blick in Diotimas Antlitz straft. Hölderlin starb am 7. Juni 1843 und ist auf dem Tübinger Stadtfriedhof begraben. (epd)