Der Dorn im Auge der Amtstheologen

Friedrich Daniel Schleiermacher wurde heute vor 250 Jahren als Sohn eines reformierten Feldpredigers geboren. In seinem Denken war er erstaunlich modern, sozial – und fast esoterisch.

In seiner Deutung des Christentums für moderne Menschen war Schleiermacher seiner Zeit voraus. (Bild: Emil Eugen Sachse 1854/gemeinfrei)

Reichskanzler Otto von Bismarck ging bei ihm in den Konfirmandenunterricht. Für seine Zeitgenossen war er der «erste christliche Redner Deutschlands», die US-Wochenzeitung Time nannte ihn einst den bedeutendsten Theologen seit Luther und Calvin. Der Theologe und Philosoph Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768-1834), wurde vor 250 Jahren am 21. November in Breslau geboren. Er gilt als «protestantischer Kirchenvater» des 19. Jahrhunderts.

Schleiermachers soziales Gewissen

Schleiermacher deutete das Christentum neu. Er suchte den Anschluss an die Moderne und an die Kultur. Dafür baute er Brücken zwischen Vernunft und Glaube, zwischen rationalem Denken und Mystik. Er wollte die Eliten seiner Zeit erreichen, die wenig von Religion hielten. Seiner eigenen Kirche stand er eher skeptisch gegenüber. «Dass unser Kirchenwesen in einem tiefen Verfall ist, kann niemand leugnen», klagte er.

Und er galt als Mann von grosser politischer Klarheit. Schleiermacher sah die sozialen Nöte seiner Zeit und forderte Verbesserungen vor allem für die Armen, zum Beispiel eine Verkürzung der Arbeitszeit.

Pfarrer mit Sinn für Plato

Seine Jugend war geprägt durch die vielen Ortswechsel seines Vaters, eines evangelisch-reformierten preussischen Feldpredigers. Seine ältere Schwester liess ihn Biografen zufolge einmal versehentlich fallen, in der Folge behielt er eine verwachsene Schulter zurück.

Der kleine, zarte Mann mit der üppigen Haarpracht war Pfarrer in Berlin, Hofprediger im heute polnischen Stolp, Professor und Universitätsprediger in Halle. Er war massgeblich an der Neugründung der Berliner Universität beteiligt, wo er ab 1810 Theologie und Philosophie lehrte. Seine Plato-Übersetzung prägte lange Zeit das Verständnis des antiken Philosophen.

 «Sinn und Geschmack für das Unendliche»

Der Münchner Theologieprofessor Jörg Lauster urteilt im Magazin Zeitzeichen, Schleiermachers berühmte Schrift «Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern» von 1799 sei «das schönste und intellektuell mutigste Buch, das von einem Protestanten in deutscher Sprache geschrieben wurde». Schleiermacher befreie darin die Religion aus der Vorstellungswelt eines erstarrten dogmatischen Christentums. Auf den Punkt gebracht habe der Theologe dies mit seinem bekanntesten Satz, Religion sei «Sinn und Geschmack für das Unendliche.»

Gott wird bei Schleiermacher zum «Weltgeist», zum «Unendlichen», zum «Universum» oder «Ganzen». Schleiermacher: «Alles Einzelne als einen Teil des Ganzen, alles Beschränkte als eine Darstellung des Unendlichen hinnehmen, das ist Religion.» Seine heute fast esoterisch klingenden Ideen für eine Entgrenzung des menschlichen Bewusstseins riefen schnell Gegner hervor. Vielen Amtstheologen war Schleiermacher nicht fromm genug, seine Reformgedanken galten als unbiblisch.

Wenn es um die Deutung des Christentums für moderne Menschen geht, gilt Schleiermacher heute zunehmend als Vordenker. Vielen nachdenklichen Menschen verleihe er mit seiner Besonnenheit «eine gewichtige Stimme für das, was sie selbst bewegt», erklärt der Münchner Theologe Lauster.

Grundstimmung Wehmut

Schleiermachers Leben wurde in seinen Wurzeln erschüttert, als 1829 sein geliebter Sohn Nathanael mit neun Jahren an Scharlach starb. Nur mit fast übermenschlicher Anstrengung und einer «vom tiefsten Herzensweh» fast erstickten Stimme, so sein Stiefsohn, habe er die Grabrede für das eigene Kind halten können. Danach habe «Wehmut zur Grundstimmung seines weiteren Daseins» gehört, schrieb sein Biograf Friedrich Wilhelm Kantzenbach.

Am 12. Februar 1834 starb Schleiermacher im Alter von 65 Jahren in Berlin. Rund 30’000 Menschen sollen seinem Sarg gefolgt sein. «Vielleicht sah Berlin nie ein solches Trauerbegräbnis», so beschrieb es ein Teilnehmer.