Von Normalität noch weit entfernt

Mosambik schaltet zwei Monate nach dem Zyklon «Idai» vom Katastrophenmodus auf Wiederaufbau um. Doch vielen Menschen fehlt es weiterhin am Nötigsten.

Im Armenviertel von Beira, Mosambik, sind die Folgen des Zyklons «Idai» noch immer sichtbar – hier eine Frau in den Trümmern ihres zerstörten Hauses. (Bild: Keystone/Jürgen Escher)

Nein, eine Decke habe sie nicht bekommen, auch kein Zelt. Joaquima Luigi (29) und ihre 15-jährige Tochter sind im neuen Lehmhaus der Nachbarn mit untergekrochen, nachdem der Tropensturm «Idai» Mitte März ihre Hütte in Chiconjo in Zentralmosambik umgeblasen und ihre wenigen Habseligkeiten zerstört hatte. Eine Essenlieferung habe es gegeben seitdem, sagt Luigi. «Viel zu wenig.»

Auch Saatgut sei verteilt worden, aber nicht das richtige. «Ich habe Hunger», klagt die Bäuerin, die sich mit ihrer Frauenkooperative auf einem Stück Acker versammelt hat, um dort den schweren Boden für Süsskartoffeln vorzubereiten. Nein, die Samen dafür seien noch nicht eingetroffen. Die Tomatensetzlinge nebenan, die frässen die Schnecken. Um sich bei Laune zu halten, singen die Frauen: «Wir sind hier, wir sind vereint». Zuvor mussten sie durch Wasser, das mit der Wurmkrankheit Bilharziose verseucht ist, zu ihrem Acker stapfen. Dort angekommen haben manche kaum mehr die Kraft, die Hacke zu schwingen.

Nicht mal Geld für ein Moskitonetz

Zwei Monate nach «Idai» in Zentralmosambik und einen Monat nach Zyklon «Kenneth» 1500 Kilometer weiter im Norden hat Mosambik den akuten Notstand für beendet erklärt. Von Alarmstufe Rot wurde auf Orange umgeschaltet: Von Retten auf Versorgen und Aufbauen. Nach der Impfung von mehr als einer Million Menschen gilt vorläufig sogar die Cholera als besiegt. Am 18. Mai hat der Hubschrauber des Welternährungsprogramms (WFP) in Beira seinen letzten Flug absolviert. Doch für viele Menschen hat sich die Lage trotzdem kaum gebessert.

Die Katastrophe traf mehr als 2,2 Millionen Menschen in Mosambik, wie aus dem jüngsten Überblick der US-Entwicklungshilfe-Agentur USAID hervorgeht. Mehr als eine Million Hektar Agrarland wurden überspült. Eine ganze Ernte fehlt – zum Essen, Säen oder Verkaufen. Kaum jemand hat Geld, um sich auch nur ein Moskitonetz zuzulegen. So arm zu sein, kann schnell tödlich enden.

Wirtschaft liegt am Boden

Mosambik mit seinen rund 30 Millionen Einwohnern ist einer der ärmsten Staaten der Welt. Die Menschen setzen nun auf eine Geberkonferenz von 31. Mai bis 1. Juni, die in der schwer getroffenen Stadt Beira stattfinden soll. Die Regierung erhofft sich 3,2 Milliarden US-Dollar von der internationalen Gemeinschaft, um die Zyklon-Schäden zu beheben.

Auch soll die 500’000-Einwohner-Stadt Beira besser geschützt werden gegen künftige Überflutungen. Zunächst aber werden Dächer gebraucht. Und der Unternehmerverband dringt auf günstige Kredite, um die Wirtschaft wiederzubeleben. Arbeitsplätze gingen verloren, denn von 1000 Firmen haben 200 wegen des Zyklons aufgegeben.

Kampf gegen Durchfall und Malaria

In Localidade 802 im ländlichen Distrikt Savana deuten eine Nationalflagge und das aus Zweigen improvisierte Schulgebäude an, dass hier eine Ortschaft sein könnte. Am Rand der Sandpiste hat die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen eine mobile Klinik in einem offenen Zelt errichtet und vergibt Medikamente.

Die Ärztin Joia Manga macht Malaria-Schnelltests und hält einen kleinen Kunststoffriegel hoch: Erscheinen zwei Striche im Display, hat der Patient Malaria. An diesem Tag ist das jeder zweite. In den überfluteten Gebieten hat sich die von Mücken übertragene Infektion stark ausgebreitet. Ausserdem plagen schwere Durchfälle, Parasitenbefall und Atemwegserkrankungen die Menschen, wie Manga erläutert. Schwere Fälle werden ins Krankenhaus gefahren.

«Nein, der Brunnen wurde nicht gesäubert», sagt Bauer João Mateus, vielleicht gebe es deswegen die vielen Durchfälle. Lebensmittel würden regelmässig verteilt, lobt er die Hilfe der Vereinten Nationen, aber kaum jemand habe einen Topf. «Fünf Familien teilen sich einen», sagt er. Der Bauer hat Schüttelfrost und wartet neben der Klinik auf Hilfe. Wann er das nächste Mal ernten könne? «Im Oktober», sagt er. Solange seien die Menschen noch auf Hilfe angewiesen. Mindestens.

Islamisten könnten Aufbau gefährden

Der Gouverneur der schwer getroffenen Provinz Sofala, Alberto Ricardo Mondlane, bestätigt die Einschätzung. «Wir brauchen noch lange Hilfe», sagt er, verteidigt aber die umstrittene Rückführung der Flutflüchtlinge in ihre Dörfer. «Wir geben ihnen Land, und dann können sie sich bald selbst versorgen», sagt er. Dass es an Toiletten, Zelten und Trinkwasser fehle, sei ein Problem, das behoben werden könne.

Weit schwieriger ist die Lage in der Provinz Cabo Delgado im Norden, denn dort terrorisieren seit bald zwei Jahren islamistische Milizen die Bevölkerung. Sie könnten eine Bedrohung für die Aufbauhilfe darstellen. Erst vergangene Woche brannten unbekannte Täter bei Palma rund 40 Häuser nieder, nachdem sie zuvor mehrere Fahrzeuge angegriffen und einen Menschen erschossen hatten. Das Militär hat die Gewalttäter bislang nicht in den Griff bekommen. (epd)