Vom Sinn und Unsinn evangelischer Schulen

Welche Rolle sollen evangelische Schulen in der heutigen Gesellschaft einnehmen? Darüber machen sich ein Schulleiter, eine Rektorin, ein Theologe und ein Atheist im Zürcher Grossmünster Gedanken.

Die evangelische Schule Unterstrass.edu wurde im Jahr 1869 gegründet. Heute ist sie Gymnasium und Lehrerseminar. (Bild: zVg)

Seit exakt 150 Jahren existiert in Zürich die evangelische Schule Unterstrass.edu. Gegründet 1869 als «Evangelisches Lehrerseminar», besuchen heute 190 Schülerinnen und Schüler das Gymnasium, 190 lassen sich dort noch immer zu Lehrerinnen und Lehrern ausbilden. Im Rahmen der Jubiläumsfeier hat die Schule zur Diskussion ins Zürcher Grossmünster geladen, um der Frage nachzugehen, ob evangelische Schulen in der heutigen Zeit überhaupt noch zeitgemäss sind und welche Rolle sie in der Gesellschaft einnehmen sollen.

In Unterstrass gehe es etwas anders zu als an staatlichen Schulen, sagt Direktor Jürg Schoch. «Bei uns steht der ganzheitliche Mensch im Zentrum – mit Kopf, Herz und Hand.» Im Fach Sport werde getanzt oder Gymnastik betrieben, um den Schülern ein gutes Körpergefühl zu vermitteln. Ab der zweiten Klasse des Kurzgymnasiums sei der Besuch des Chors Pflicht. In den naturwissenschaftlichen Fächern werde angeschaut, welchen negativen Einfluss der technologische Fortschritt auf Schwellenländer haben kann. «Bei uns steht die Vermittlung von Werten wie Gerechtigkeit, Frieden und Solidarität im Fokus. Ganz im evangelischen Geist», sagt Schoch.

Der Direktor ist überzeugt, dass gerade in der heutigen säkularen Zeit diese Art von Unterricht noch immer ihren Platz hat. «Wir sehen uns als Ergänzung. Der Staat muss für alle Bildung gewährleisten, aber nicht unbedingt alle Bedürfnisse abdecken», sagt Schoch. Bei den Schülern käme der Unterricht gut an. «Wir hören immer wieder, dass sie die hier gelernte und erfahrene Sozialkompetenz im Berufsleben weitergebracht hat.» Leider gäbe es gegenüber der Schule gerade heutzutage Vorurteile. Viele könnten nicht zwischen evangelisch und evangelikal unterscheiden. «Zu uns kommen auch Gymischüler, die gar nicht so religiös sind. Und das ist auch gut so», sagt Schoch.

«Trennung von Staat und Kirche wichtig»

Die Religion strikt aus ihrer Schule raushalten muss und will Ursula Alder, Rektorin des staatlichen Realgymnasiums Rämibühl in Zürich. «Eine Schule ist idealerweise sowohl politisch als auch religiös neutral, damit sich alle aufgehoben fühlen und nicht beeinflusst werden

Trotz der von ihr sehr kritisch betrachteten religiösen Verankerung bezeichnet Rektorin Alder das Gymnasium Unterstrass als eine gute Schule. «Dazu gehört, dass sie ihre Lernziele erreicht, die Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen unterstützt und ihnen Sinnhaftigkeit gibt. Das alles setzt Unterstrass sehr gut um», sagt Alder. Dank der geringen Grösse sei die Schule zudem agiler und könne innovative Projekte schneller und direkter umsetzen. «Das ist bewundernswert.»

Auch dass Unterstrass den Menschen ins Zentrum stellt und den Schülerinnen gesellschaftliche Werte vermittelt, findet Alder gut. «Das machen wir an der staatlichen Schule aber auch.» So gebe es im Rämibühl etwa einen Solidaritätsverein, in dem sich rund 40 der insgesamt 850 Schüler engagieren.

In Zukunft könnte sich Alder vorstellen, dass sich ihre Schülerinnen zudem im Rahmen des sogenannten «Service Learning» für die Gemeinschaft einsetzen. Sie möchte damit an ihrer Schule ein Zeichen setzen, dass nebst intellektuellen Leistungen auch ein Beitrag für die Gesellschaft erwartet wird. «Indem Schüler beispielsweise über längere Zeit hinweg in einem Altersheim für Abwechslung sorgen, Flüchtlinge unterstützen oder sich in der Klimabewegung engagieren», würden sie die Gesellschaft unterstützen und gleichzeitig wichtige «social skills» erwerben.

«Aus christlich-evangelischer Tradition schöpfen»

Dass eine evangelische Schule heute noch zeitgemäss ist, davon ist auch Martin Sallmann, Professor am Institut für Historische Theologie an der Universität Bern, überzeugt. «Die Frage ist doch eher, warum soll eine evangelische Schule in einer pluralen Gesellschaft keinen Platz haben?» Gerade wenn es um die Vermittlung von Respekt und Wertschätzung gegenüber den Menschen geht, könne sich eine evangelische Schule hervortun. «Damit will ich nicht sagen, dass solche Werte an einer staatlichen Schule nicht vermittelt werden», sagt Sallmann.

Schulen wie die Unterstrass könnten aus der christlich-evangelischen Tradition schöpfen und hätten dank der geringeren Grösse einen persönlicheren Umgang mit den Schülerinnen. «Natürlich ist zu wünschen, dass die Schule reflektiert mit ihrer Tradition umgeht und dadurch auch offen für andere Glaubensrichtungen ist», sagt Sallmann.

«Religiöse Schulen nicht bevorzugen»

Grundsätzlich nichts gegen die Existenz von evangelischen Schulen hat auch Andreas Kyriacou, Präsident der Freidenker Schweiz. Ihm sei aber wichtig, dass Schulen mit einer religiösen Prägung gleich wie andere Privatschulen behandelt würden, sie also gegenüber anderen weder bevorzugt, noch benachteiligt werden. «Der Staat soll grosszügig bei der Bewilligung von solchen Privatschulen sein, jedoch zurückhaltend bei der finanziellen Unterstützung», sagt Kyriacou.

Von Bedeutung sei zudem, dass die offiziellen Lehrpläne eingehalten würden, wobei Schulen auf Gymnasialstufen mehr Handlungsspielraum zugestanden werden könne als der Volksschule, da Gymnasiasten reif genug seien, über den vermittelten Stoff zu reflektieren. Ihm selbst sei die Unterstrass nicht ganz fremd. «Sie war die erste Schule, die mich als Freidenker in den Religionsunterricht einlud, um Einblicke in die Lebenswelt der Nichtreligiösen zu geben.» Es sei erfreulich, dass das Interesse an einer Aussensicht gross sei. Das Wissen um «die eigene Minderheitenposition» stärke wohl das Bewusstsein dafür, dass ein Austausch unter den verschiedenen Weltanschauungen wichtig sei, so Kyriacou.

Am Samstag, 11. Mai, findet im Zürcher Grossmünster von 11 bis 12. 30 Uhr im Rahmen der 150-Jahr-Feierlichkeiten der evangelischen Schule Unterstrass.edu ein Podium zum Thema «Evangelische Schulen – wichtig oder überflüssig» statt. Mit dabei sind: Prof. Dr. Martin Sallmann, Universität Bern; Ursula Alder, Rektorin Realgymnasium Rämibühl Zürich; Andreas Kyriacou, Präsident Freidenkende Schweiz; Moderation: Jürg Schoch, Direkt der Schule Unterstrass.edu.

Weitere Veranstaltungen sind unter www.unterstrass.edu zu finden.