Wenn die «Narrenpredigt» die Augen öffnet

Lange tat sich die reformierte Kirche schwer mit den «Ausschweifungen» der Narren. Heute sind Fasnachtsgottesdienste in etlichen Kirchgemeinden der Nordwestschweiz und Luzerns am beliebtesten.

Die Kirche holt die Fasnacht in den Gottesdienst, hier in die Offene Kirche Elisabethen in Basel.
Die Kirche holt die Fasnacht in den Gottesdienst, hier in die Offene Kirche Elisabethen in Basel. (Bild: fasnacht.ch/Olly Klassen)

Noch 1963 mahnte der Kirchenrat der reformierten Kirche Baselland mit einem Inserat in der Zeitung: «Christen – seid Euch auch während der Fasnacht Eurer Verantwortung bewusst!» Fasnächtliche Zügellosigkeiten entsprachen nicht der sittlichen Lebensführung, die sich die Kirche von den Leuten wünschte. Mit bunten Abenden als Gegenveranstaltungen versuchten manche Kirchgemeinden ihre «Schäfchen» von den gefährlichen Versuchungen und Ausschweifungen fernzuhalten.

«Gell de kennsch mi nit?»

Heute holen die Kirchen die Fasnacht in ihren Gottesdienst. Diese Fasnachtsgottesdienste sind äusserst beliebt und an einigen Orten bereits Tradition. Die Kirchgemeinde Binningen-Bottmingen BL etwa veranstaltet seit über zehn Jahren Fasnachtsgottesdienste, und in Liestal BL kann Pfarrer Andreas Stooss 2017 das Zehn-Jahr-Jubiläum begehen.

In der Offenen Kirche Elisabethen in Basel gehört der Gottesdienst «Gäll de kennsch mi nit?» zum festen Bestandteil des Jahresprogramms, ebenso wie in Flüh SO die «Narrenpredigt» von Pfarrer Armin Mettler und die Fasnachtsgottesdienste in der Stadt Luzern und in Meggen.

Zu einem richtigen Fasnachtsgottesdienst gehört der entsprechende musikalische Rahmen: In Luzern musiziert eine Guggenmusik. Pfeifer und Tambouren treten in den Kirchen der Region Basel auf. Das sei ein besonderes akustisches Erlebnis und «Gänsehaut pur», schwärmt Pfarrer Andreas Stooss.

Schnitzelbänke: Der Humor hat Grenzen

Über hundert Personen wollten im letzten Jahr Armin Mettlers «Narrenpredigt» hören. Diese hält der Pfarrer jeweils in Versform. Am Ende des Gottesdienstes können die Anwesenden diese als «Zeedel» mit nach Hause nehmen wie die Schnitzelbänke an der Basler Fasnacht. «Der ‹Zeedel› findet reissenden Absatz», erzählt Armin Mettler. Natürlich seien seine Verse nicht so derb, wie man es von manchen Fasnächtlern gewohnt sei. Er versuche seine «Narrenpredigt», die er mit Texten aus der Bibel verbindet, mit «humorvoller Ernsthaftigkeit» zu gestalten.

Vor zwei Jahren erfuhr Armin Mettler, dass der Humor Grenzen hat. Als er gegen seinen katholischen Kollegen stichelte, kam das nicht bei allen gut an. Heute haben sich die beiden wieder versöhnt. Diese Erfahrung sei ihm eine Lehre gewesen, so der Pfarrer. Für die diesjährige «Narrenpredigt» hat er sich unter anderem folgende Themen vorgenommen: «Papst Franziskus’ Kampf für die Armen, altes Machtdenken im ‹christlichen› Westen und die Ökumene drinnen und draussen.»

Fasnacht und Bibel: Impulse fürs Leben

Fasnachtsgottesdienste zeichnen sich durch die besondere Stimmung zwischen Fröhlichkeit und Besinnung aus, in die sich erwartungsvolle Vorfreude mischt. «Mit diesen Feiern gelingt der Brückenschlag zwischen Fasnacht, Leben und Glauben», erklärt Andreas Stooss. «Die Fasnachtsgottesdienste haben von Anfang an einen Nerv getroffen und bedeuten den Leuten sehr viel.»

Wie die Bibel könne die Fasnacht Impulse fürs Leben liefern. Ein Beispiel: Wenn Paulus von neuen Kleidern spricht, die man anziehen soll, hat das nichts mit der Fasnacht zu tun. Doch der Liestaler Pfarrer sieht Parallelen. Paulus forderte mit dem geistigen Kleiderwechsel eine neue Lebenseinstellung. Ähnlich erhalte man im Fasnachtskostüm einen anderen Blick auf die Welt.

Alle mögen die Fasnacht

Die Fasnacht sei stark und breit verankert in der Bevölkerung, sagt Stooss. «Arm und Reich, Jung und Alt, Schweizer und Ausländer – so viele verschiedene Menschen mögen die Fasnacht. Der Brauch überschreitet Grenzen und fördert den gesellschaftlichen Zusammenhalt.»

In der Offenen Kirche Elisabethen, die mitten in der Stadt und damit im Herzen der Basler Fasnacht liegt, geht man noch einen Schritt weiter. Vor und nach dem Morgenstreich ist die Kirche die Nacht hindurch offen und wird zum Treffpunkt von Fasnächtlern und Zaungästen.

 

Fasnachtsgottesdienste

  • Baselland
    Fasnachts-Gottesdienst «Mer mache dicht», Sonntag, 14. Februar, 10.15 Uhr, reformierte Kirche Bottmingen, Buchenstrasse 7, Bottmingen

 

  • Basel-Stadt
    «Gäll de kennsch mi nit?», gottesdienstliche Feier, Sonntag, 14. Februar, 10.30 Uhr, Offene Kirche Elisabethen, Elisabethenstrasse 10, Basel

 

  • Solothurn
    Gottesdienst mit «Narrenpredigt», Sonntag, 14. Februar, 10 Uhr, Ökumenische Kirche Flüh, Buttiweg 26, Flüh

 

  • Luzern
    Fasnachtsgottesdienst mit den «Glatzesträhler Lozärn», Sonntag, 7. Februar, 10.30 Uhr, Kirche St. Johannes, Würzenbach, Schädrütistrasse 26, Luzern

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

 

Karin Müller/kirchenbote-online.ch