Wären die beiden auf Facebook ein Paar, so wäre ihr Beziehungsstatus «kompliziert». Die Rede ist von der Naturwissenschaft und der Religion. Fundamentalistische Christen stehen auf der Seite der Bibel und erteilen der Evolution eine Absage, neue Atheisten sehen in der Religion nichts als ein irrationales Überbleibsel. Warum sich nicht auf eine gütliche Trennung einigen? So zumindest sah es bereits Karl Barth. Er lehnte die Idee einer «natürlichen Theologie» ab, die aus wissenschaftlichen Erkenntnissen und natürlichen Fakten die Existenz Gottes abzuleiten versucht.
Denis Alexander, ehemaliger Leiter des Faraday Institute for Science and Religion an der Universität Cambridge, will es aber noch einmal wissen. Der Christ und Molekularbiologe ist so etwas wie der Paartherapeut der beiden, ein Pionier der interdisziplinären Kommunikation. Seine Lesung an der Universität Bern war im Rahmen der zweitägigen Konferenz «Living in One World – How can Science, Theology and Ethics relate?» zu hören.
Astrophysiker, Neurochemiker, Ethiker und Theologen diskutieren an der Tagung über die Geschichte des Universums, die dunkle Materie, extraterrestrisches Leben – und Gott. Organisatorin war die theologische Fakultät der Universität Bern.
Pionier in Sachen Annäherung
Am Dienstagabend sind dann 30 Personen gekommen, um Alexander zu hören. Ein akademisches Publikum, vor allem Physiker und Biologen, wie sich in der Fragerunde am Ende zeigen wird. Alexander machte sich in seiner Rede stark dafür, Religion und Naturwissenschaft nicht länger als Feinde zu sehen: «Früher wussten Theologen wenig über Naturwissenschaft, und Astrophysiker wenig über Geisteswissenschaft. Das ändert sich nun.» Alexander und das Cambridger Faraday Institute sind federführend, aber nicht einzigartig, in dieser Wiederannäherung.
So brachte Alexander 2010 den anglikanischen Erzbischof Rowan Williams und den Literaturtheoretiker Terry Eagleton zusammen, um über die neuen Atheisten zu diskutieren. Und auch der Star-Astrophysiker und Atheist Stephen Hawkings war schon zu Gast.
Alexander ist überzeugt, dass Religion und Naturwissenschaft sich viel zu sagen haben. Religion und Wissenschaft seien neben Ethik, Ästhetik und persönlichen Anschauungen eine der Perspektiven, mit denen man die Welt betrachten könne: «Sichtweisen, die sich notabene nicht widersprechen, sondern ganz einfach ergänzen», so Alexander. Denn die religiös-philosophische Frage nach dem Warum des Universums tauche wohl bei jedem Wissenschaftler auf, der sich mit dem Ursprung und der Geschichte der Materie und allen Lebens beschäftige – «egal, ob es sich um einen Atheisten handelt, oder einen Christen», sagte Alexander.
Letzte Fragen zum Ursprung des Universums
Heute ist natürlich keiner mehr wie einst Newton Theologe und Astrophysiker zugleich. «Aber die Fragen, die heute Evolutionsbiologen, Physiker und Neurowissenschafter stellen, sind auch für Philosophen und Theologen von Interesse», meinte Alexander. Davon zeugt auch der neue Austausch der Berner Theologie: Der Trend hin zu grenzüberschreitenden Projekten ist da. Auch das Cern organisiert regelmässig Symposien mit Ethikern und Theologen.
Alexander brachte Beispiele, wo Theologie und Philosophie ins Spiel kommen: In der Frage, warum ein komplexes Universum entstehen konnte und warum nicht einfach nichts da ist. Oder wieso die Evolution gemäss neuesten Forschungen eben doch nicht nur nach Zufallsprinzipien zu verlaufen scheint. Oder warum so etwas wie ein Bewusstsein entstehen konnte. Für Alexander tangieren diese Erkenntnisse letzte Fragen.
Dennoch: Alexander will keineswegs aus der Astrophysik eine Metaphysik machen. Physiker müssten nicht Christen sein. Aber sie können es. Und dies, ohne die Evolutionstheorie abzulehnen. Er plädierte für einen Austausch auf Augenhöhe. Oder um es im Facebook-Slang zu sagen: Religion und Naturwissenschaft sind «in einer offenen Beziehung».