Eugen Gomringer
Vater der konkreten Poesie wird 100
Sein berühmtes Gedicht «schweigen» von 1954 besteht aus einem einzigen Verb: In fünf Zeilen wiederholt sich das Wort «schweigen» vierzehn Mal, lediglich in der Mitte des Gedichts fehlt es und hinterlässt eine vielsagende Leerstelle. Mit Gedichten wie diesen wurde Eugen Gomringer in den 50er und 60er Jahren zum Erfinder der konkreten Poesie. Heute gehören sie längst zum festen Bestand der deutschsprachigen Lyrik und haben Einzug in den Deutschunterricht gehalten.
1925 in Bolivien als Sohn einer Bolivianerin und einen Schweizers geboren, wuchs Gomringer in der Schweiz auf. In Bern und Rom studierte er Nationalökonomie, Kunst- und Literaturgeschichte. Einige Jahre arbeiteter er als Sekretär von Max Bill an der Hochschule für Gestaltung Ulm. Der Besuch einer Ausstellung für Konkrete Kunst in Basel wurde für ihn zur Initialzündung für die eigene Dichtung.
In Analogie dazu prägte Gomringer den Begriff der «Konkreten Poesie». Die Formensprache und Schlichtheit der Konkreten Kunst übertrug er auf die Lyrik und löste damit eine Revolution aus, die weltweit Schule machte. Der Literaturwissenschaftler Peter von Matt bezeichnete Gomringer als «als einen der Letzten der grossen Gründergestalten unserer Nachkriegsmoderne».
Später wurde es etwas stiller um den Poeten. Ins öffentliche Bewusstsein gerückt wurde Gomringer wieder vor einigen Jahren, als sein Gedicht «Avenidas» an der Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin für heftige Kontroversen sorgte. Angehörige der Hochschule hatten das Gedicht als sexistisch eingestuft. Der akademische Senat entschied daraufhin, es entfernen zu lassen.
In einem Interview, das das Magazin bref 2018 mit dem Dichter und seiner Tochter, der Lyrikerin Nora Gomringer führte, verteidigte Gomringer das Gedicht als «Manifest der Schönheit». «Das Etikett des Altherrenlyrikers löst bei mir Kopfschütteln aus», sagte er. Die Entfernung des Gedichtes bezeichnete er als «Eingriff in die Freiheit von Kunst und Poesie». Inzwischen pragt «Avenidas» wieder an zwei Häuserfassaden in Berlin – ganz in der Nähe der Hochschule.
Zum 100. Geburtstag von Eugen Gomringer am 20. Januar sind in Deutschland und in der Schweiz diverse Veranstaltungen geplant. Unter anderem veranstaltet das Schweizerische Literaturarchiv in Bern am 31. Januar eine Soirée zu Ehren des Schriftstellers. (no)