Terror

«Viele Menschen in Nigeria sind traumatisiert»

In Nigeria sind vergangene Woche Unbekannte in eine katholische Kirche eingedrungen und haben 40 Menschen getötet. Von Gewalt und Terror seien Christen und Muslime jedoch gleichermassen betroffen, sagt Yakubu Joseph, Projektkoordinator von Mission 21 in Nigeria.

Beim Anschlag am Pfingstsonntag in der katholischen Kirche St. Francis im Südwesten Nigerias kamen 40 Menschen ums Leben. Die Täter sind weiterhin unbekannt. (Bild: Keystone/EPA)

Yakubu Joseph, es ist immer noch nicht bekannt, wer hinter dem Attentat vom Pfingstsonntag steht. Wie erklären Sie sich die Gewalt gegen eine christliche Institution?
Die Attacke erinnert an die Vorgehensweise von Boko Haram, der islamistischen Terrorgruppe. Diese ist vor allem im mehrheitlich muslimischen Norden des Landes aktiv, wo Kirchen schon immer ein Hauptziel waren. Dieser letzte Angriff fand aber im Süden statt, wo mehrheitlich Christen leben. Das ist ein Novum.

Zur Person

Dr. Yakubu Joseph ist Koordinator für Mission 21 in Nigeria. Er ist promovierter Geograf und verfügt über einen MA in Internationaler Friedensforschung und einen MSC in Soziologie. Yakubu Joseph begleitet die Partnerorganisationen von Mission 21, ist für die Qualitätssicherung vor Ort zuständig und berät Partnerorganisationen in Afrika im Bereich der Friedensförderung und Sicherheit. (mos)

Was bedeutet das für die Christen im Süden des Landes?
Die Menschen sind verunsichert. Viele fragen sich, ob sich die Gewalt jetzt in den Süden ausdehnt. Ist das ein Einzelfall oder ein neuer Trend? Ausserdem kam dieser Angriff nur zwei Wochen, nachdem das Oberhaupt der methodistischen Kirche entführt worden war. Dort steckten wahrscheinlich Kriminelle dahinter, die Lösegeld erpressen wollten. Mittlerweile ist er wieder frei. Aber es verstärkt das Klima der Angst.

Wie haben die Kirchen auf den Angriff reagiert?
Zuerst haben alle Kirchen und auch die muslimischen Gemeinschaften den Anschlag verurteilt und ihre Solidarität ausgedrückt. Jetzt überlegen sich einige Kirchen im Süden, ihre Sicherheitsmassnahmen zu erhöhen. Kirchen im Norden haben das schon lange gemacht und etwa Metalldetektoren installiert. Aber weil die Angriffe weniger wurden, haben sie die Bemühungen wieder runtergefahren. Das werden wohl einige rückgängig machen.

Ist es für Christen in Nigeria allgemein gefährlicher geworden?
Die Unsicherheit hat zugenommen, so etwas haben wir noch nie erlebt. Aber das betrifft die ganze Bevölkerung. Denn es gibt nicht nur Terroranschläge von der islamistischen Boko Haram, die seit 2009 aktiv sind. Sondern in den letzten Jahren ist auch ein Konflikt zwischen Bauern und Hirten eskaliert, deren Lebensgrundlage bedroht ist. Ausserdem haben Kriminelle Entführungen zu ihrem Geschäft gemacht. Viele Nigerianer fühlen sich zu Hause nicht mehr sicher. So gibt es Dörfer, wo die Leute nicht mehr zu Hause schlafen, weil sie in der Nacht Angriffe von Kriminellen oder Terroristen befürchten. Das ist seit Jahren so.

«Kriminelle und Terroristen sind unsere Feinde, nicht Muslime oder Christen.»

Wie könnte die Sicherheitslage im Land verbessert werden?
Man müsste das Leiden der Menschen angehen. So viele Menschen haben aufgrund dieser Gewalt und Attacken Verluste erlitten und sind traumatisiert. Etlichen hat man mit Traumverarbeitung geholfen, aber es sind noch viel mehr, die Unterstützung zur Bewältigung erhalten müssten. Ausserdem braucht es mehr Präventionsmassnahmen, damit es gar nicht mehr zu Gewalt kommt. Aber dazu braucht es eine gute Führung und gutes Krisenmanagement. Der Rechtsstaat muss funktionieren, damit Kriminelle und Terroristen nicht ungeschoren davonkommen. Sie sind unsere Feinde, nicht Muslime oder Christen.

Was ist denn bisher geschehen, um die Spannungen abzubauen?
Es gibt verschiedene Friedensinitiativen, wie etwa den interreligiösen Rat, der auch von der Regierung unterstützt wird. Aber auch an der Basis gibt es unzählige Bemühungen, Brücken zu bauen und Verständnis füreinander zu schaffen. Es bleibt uns auch nichts anderes übrig. Nigeria ist und bleibt ein pluraler Staat, hier leben verschiedene Volksgruppen und Religionsgemeinschaften. Das führt zu Spannungen. Aber wir müssen einen Weg finden, zusammenzuleben.

«Mit einer Perspektive im Leben sind junge Leute weniger anfällig für religiöse Extremisten.»

Was tut Mission 21 in diesem Zusammenhang?
Wir sind vor allem an der Basis tätig. So versuchen wir in einem Projekt, junge Leute über religiöse und ethnische Grenzen hinweg zusammenzubringen. Oder wir ermöglichen ihnen eine handwerkliche Ausbildung, damit sie eine Perspektive im Leben haben. Damit sind sie weniger anfällig für religiöse Extremisten, die junge verzweifelte Menschen für ihre Pläne ausnutzen.