Antimuslimischer Rassismus

«Rassistische Vorfälle werden verinnerlicht»

Über ein Drittel der muslimischen Personen in der Schweiz ist von Rassismus betroffen. Besonders junge Muslime setzen auf eine geschickte Strategie, um diskriminierende Vorfälle zu verhindern, sagt Professor Hansjörg Schmid.
Das Kopftuch macht Frauen zu einer beliebten Zielscheibe von rassistischen Kommentaren. (Bild: Gaëtan Bally/ Keystone)


Herr Schmid, Sie haben mit Personen gesprochen, die von antimuslimischer Diskriminierung betroffen sind. Was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Auffallend war, dass fast alle Interviewten von diskriminierenden Erfahrungen in der Schulzeit berichtet haben. Ein Mann hat uns beispielsweise erzählt, wie ihm eine Lehrperson gesagt habe, dass eine genügende Note für ihn schon gut sei – schliesslich sei Deutsch ja nicht seine Muttersprache. Vielleicht war das von der Lehrperson gut gemeint, es entsprach aber nicht den Zielen des Schülers. Solche Ereignisse werden verinnerlicht und wirken sich auf die Laufbahn der betroffenen Personen aus.

Was macht es mit den Menschen, wenn sie in der Schule, am Arbeitsplatz oder in der Freizeit Rassismus erleben?
Diskriminierende Vorfälle lösen bei den Betroffenen Hoffnungslosigkeit, Traurigkeit, Frustration oder auch Angst aus. Manche Gesprächsteilnehmer haben die Reaktion als körperlich spürbaren Druck und Anspannung beschrieben. Gleichzeitig würden solche Vorfälle sie zwingen, sich in irgendeiner Weise dazu zu verhalten. Dadurch haben sie verschiedene Bewältigungsstrategien entwickelt.

Wie sehen diese Strategien aus?
Wie die Menschen reagieren, kann sich von Situation zu Situation und auch im Laufe ihres Lebens verändern. Eine Strategie besteht darin, diskriminierende Vorfälle zu negieren und den Fokus auf positive Erlebnisse zu legen. Andere Personen sind müde, ständig über den Islam debattieren zu müssen. Sie ziehen sich in einen Kreis von Menschen zurück, die ähnliche Erfahrungen im Leben gemacht haben. Dabei stellt sich die Frage, ob das gesellschaftlich erstrebenswert ist. Manche Betroffene wiederum melden Vorfälle, kämpfen aktiv gegen Diskriminierung an oder beschäftigen sich vertieft mit Rassismus. Besonders junge Menschen gehen mit den gesellschaftlichen Zuschreibungen strategisch um.

Zur Studie

Die Grundlagenstudie «Antimuslimischer Rassismus in der Schweiz» wurde vom Schweizerischen Zentrum für Islam und Gesellschaft (SZIG) im Auftrag der Fachstelle für Rassismusbekämpfung (FRB) durchgeführt. Das SZIG hat für die Studie 11 Personen befragt, die von antimuslimischem Rassismus betroffen sind. Ausserdem fand ein Austausch mit über 20 Fachstellen, Behörden und muslimischen Organisationen statt.

Von antimuslimischem Rassismus sprechen die Studienautoren, wenn «muslimische oder als muslimisch wahrgenommene Personen als eine homogene Gruppe mit unveränderlichen Eigenschaften konstruiert werden». Zu den häufigsten Eigenschaften, die muslimischen Personen zugeschrieben werden, gehören Gewalttätigkeit, Homophobie, Sexismus, Antisemitismus und Demokratieresistenz. (pef)

Was ist damit gemeint?
Statt in manchen Situationen zu sagen, dass sie kein Schweinefleisch essen und damit eine Debatte loszutreten, sagen sie beispielsweise, dass sie Vegetarier sind. Dabei handelt es sich eher um eine gesellschaftlich anerkannte Ernährungspraxis.

Wie verhalten sich antimuslimischer Rassismus und religiöse Radikalisierung zueinander?
Ein solcher Zusammenhang besteht sicherlich, auch wenn er in unserer Studie nicht direkt ein Thema war. Salafistische Prediger greifen den antimuslimischen Rassismus in ihren Diskursen auf, um Betroffene abzuholen. Sie sagen zu muslimischen Menschen: «In dieser Gesellschaft wirst du abgelehnt, du hast hier keine Rechte. Wir zeigen dir, wie du eine Perspektive finden kannst.» Besonders ausgeprägt ist das auf der Plattform Tiktok.

Bei einer Umfrage des Bundes haben 35 Prozent der Musliminnen und Muslime angegeben, rassistische Vorfälle erlebt zu haben. Nur ein Bruchteil davon wird jedoch gemeldet. Weshalb?
Es kann sein, dass sie nicht auffallen wollen, am Nutzen einer Meldung zweifeln oder gegenüber den Meldestellen misstrauisch sind. Ausserdem besteht immer die Gefahr einer Retraumatisierung, wenn Betroffene Vorfälle nochmals durchleben müssen.

Zur Person

Hansjörg Schmid hat Theologie in Freiburg im Breisgau, Jerusalem und Basel studiert und ist Professor für interreligiöse Ethik an der Universität Freiburg. Zudem leitet er das «Schweizerische Zentrum für Islam und Gesellschaft» (SZIG). Dieses bietet unter anderem den CAS-Studiengang «Muslimische Seelsorge in öffentlichen Institutionen» sowie den Masterstudiengang «Islam und Gesellschaft» an. (pef)

Was haben Betroffene überhaupt davon, sich an eine Meldestelle zu wenden?
Rassismus ist kein individuelles, sondern ein gesellschaftliches Problem. Indem Betroffene Vorfälle melden, leisten sie einen Beitrag dazu, das Problem sichtbar zu machen. Für die Sensibilisierungsarbeit sind aber auch konkrete Fallbeispiele von Bedeutung. Uns war etwa wichtig, einen Blick hinter die Zahlen zu werfen. Welche Mechanismen stecken hinter der Diskriminierung und wie gehen Betroffene damit um? Das liefert der Gesellschaft wichtige Erkenntnisse im Engagement gegen antimuslimischen Rassismus.

Was können Beratungs- und Meldestellen tun, um die Situation zu verbessern?
Allgemeine Meldestellen für Rassismus – wie diejenige des Hilfswerks der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (Heks) in der Ostschweiz – können beispielsweise muslimische Personen anstellen. Das schafft eine Sensibilität für diese spezifischen Fälle von Rassismus. Viele Erfahrungen mit Rassismus sind intersektional, das heisst, sie betreffen nicht nur einen Aspekt wie die Religion, sondern auch noch andere wie die Hautfarbe oder das Geschlecht. Manche Meldestellen gehen zudem aktiv auf religiöse und kulturelle Vereine zu, um ein Netzwerk aufzubauen. Es ist wichtig, dass unterschiedliche Akteure Betroffene an Meldestellen weiterverweisen können. Eine wichtige Rolle kommt gerade auch muslimischen Organisationen zu, da sie bei einem Teil der Betroffenen ein grosses Vertrauen geniessen. Manche Dachorganisationen haben auch schon Hotlines eingerichtet. Sie verfügen aber meistens über wenig Ressourcen und sind noch kaum professionalisiert.

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