St. Galler Kirchgemeinde realisiert umstrittene Orgel

Für 2,4 Millionen Franken soll die Orgel in der Kirche St. Laurenzen erneuert werden. Einem Kredit zur Finanzierung dieses Grossprojekts stimmten die Kirchbürger mit grosser Mehrheit zu. Dabei gab es im Vorfeld kritische Stimmen.

Die Orgel der Kirche St. Laurenzen soll für 2,4 Millionen Franken modernisiert werden (Bild: KEYSTONE/CHROMORANGE/Ernst Weingartner)

«Grössenwahnsinnig», «Unsinn», «viel zu teuer» – mit diesen Worten äusserten anonyme Kritiker aus dem Umfeld der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde St. Gallen-Centrum Anfang April im St. Galler Tagblatt ihren Unmut. Sie konnten nicht verstehen, warum sich ihre Gemeinde dieses ehrgeizige Projekt auf die Fahne geschrieben hat. Warum sie in Zeiten von Mitgliederschwund, Kirchenaustritten und schmaleren Budgets mit Millionenbeiträgen hantiert – für eine Orgel.

Dass diese Orgel in der altehrwürdigen St. Galler Kirche St. Laurenzen nach 40 Jahren im Dienst erneuert werden soll, bezweifelt niemand. Doch anstatt sie bloss für eine Viertelmillion zu sanieren, soll sie erweitert und erneuert werden zur modernsten Orgel Europas. Und zwar für 2,4 Millionen Franken.

So soll die Musik dereinst nicht nur frontal, sondern von allen Seiten auf die Zuhörer im Kirchenschiff einwirken. Die alte Orgel bleibt, hinzu kommen aber auf allen drei Emporen der Kirche neue Pfeifen. So entsteht eine «3D-Orgel» mit Surround-Sound und einem «überwältigenden» Hörerlebnis, sagt die Kirchenvorsteherschaft. Etwas, was es in Europa bisher noch nirgends gab.

Überzeugendes Spenden-Konzept

Seit mehr als drei Jahren arbeitete die Kirchgemeinde an diesem Grossprojekt, das nun am 28. April zur Abstimmung kam. Sogar die gemeindeeigene Geschäftsprüfungskommission habe an dem «grössenwahnsinnigen» Vorhaben zunächst gezweifelt, sagt der Präsident der Kirchenvorsteherschaft, Christian Kind, auf Anfrage von ref.ch. Doch das Konzept habe am Ende alle überzeugt. Und zwar auch die Kirchbürger: 88 von 95 Anwesenden stimmten der Vorlage zu. «Ich habe eigentlich mehr kritische Stimmen erwartet», sagt Kind.

Tatsächlich hätte die Gemeinde die 2,4 Millionen Franken nie alleine stemmen können. Der kircheneigene Beitrag beträgt deshalb «nur» 1,1 Millionen Franken. Die übrigen 1,3 Millionen sollen durch Spenden und Zuwendungen gedeckt werden.

Und hier hatte die Kirche grossen Erfolg. Bisher kamen bereits rund 900’000 Franken zusammen, vor allem durch Beiträge des Kantons und der Stadt St. Gallen, durch die Ortsbürgergemeinde sowie durch Stiftungen. «Das war unser Hauptargument vor der Abstimmung, dass weitherum ein Interesse an einer innovativen Orgel besteht», sagt Kind. Die fehlenden rund 400’000 Franken wolle man nun durch «intensives Fundraising» auftreiben.

Fragezeichen zum Beitrag der Stadt St. Gallen

Während die Kirchbürger fast geschlossen hinter dem Projekt stehen, sind aus politischen Kreisen weiterhin missmutige Töne zu vernehmen. Dass die Kirche für so viel Geld eine Orgel bauen wolle, sei ja schön und gut, findet Marcel Baur, Vorstand der St. Galler Grünliberalen. Woran er sich stört, ist die Höhe des Betrags, den die Stadt für das Projekt gespendet hat: 100’000 Franken.

Dabei habe St. Gallen erst vor kurzem zwei etablierten Kulturinstitutionen mit öffentlichem Auftrag die Beitragserhöhungen von 15’000 Franken pro Jahr gestrichen, um zu sparen. «Und durch die Hintertüre kommt heraus, dass ein kirchliches Prestigeobjekt so viel Geld erhalten soll». Über die Spende habe die Stadt nicht transparent genug informiert. «Deshalb verlange ich von der Politik, dass sie nochmals erklärt, welche Gedankengänge da eigentlich dahinter stecken», sagt Baur.

Geld soll nicht anderweitig fehlen

Ein Leuchtturmprojekt soll die innovative Orgel werden und Menschen weit über die Stadt hinaus in die Kirche locken. Davon ist Christian Kind überzeugt: «Wir wollen nicht nur den Gottesdienst damit beleben, sondern einen laufenden Konzertbetrieb aufstellen unter anderem mit moderner Musik.» Damit hole man auch kirchenferne Menschen ab. Da bereits die Orgelmusik in der Kathedrale einen exzellenten Ruf geniesse, werde St. Gallen definitiv zur Orgelstadt.

Dennoch: 1,1 Millionen für eine neue Orgel, das kann sich nicht jede Kirchgemeinde leisten. Tatsächlich ist die St. Galler Kirchgemeinde finanziell gut aufgestellt. Man verfüge über 9,5 Millionen Franken an Eigenkapital, sagt Kind. Der einmalige Abschreiber sei rein buchhalterisch, es werde keine Eingriffe ins Budget geben: Die Zinsen für den Kredit würden mit dem laufenden Kirchenmusikbudget gedeckt. «Es wird also andernorts keine Abstriche geben».