Sri Lanka

Kaum Geld für Obst und Gemüse

Die Bilder von feiernden Demonstrierenden nach dem erfolgreichen Sturm auf den Präsidentenpalast in Sri Lanka gingen vergangenen Sommer um die Welt. Doch acht Monate später zeigt sich: Der Inselstaat steckt in der Krise.

Frisches Gemüse, wie es hier auf einem Markt in Colombo angeboten wird, ist für viele Menschen in Sri Lanka zum unbezahlbaren Luxus geworden. (Bild: Chamila Karunarathne/ EPA/ Keystone)

Um ihren Kindern noch eine Mahlzeit bieten zu können, essen die Frauen an manchen Tagen gar nichts: Die Teepflückerinnen in den Bergen Sri Lankas sind von der Wirtschaftskrise besonders schwer betroffen. «Wenn sie etwas essen, sind es meist Reis oder Linsen – Obst und Gemüse sind einfach zu teuer geworden», sagt Franziska Koch von Sri Lanka Advocacy, einem Netzwerk deutscher Hilfsorganisationen.



Wie die Frauen in der Kleinstadt Hatton in der Zentralprovinz leiden viele Menschen in Sri Lanka unter der schweren Wirtschaftskrise. Vergangenen Juli hatten deshalb Tausende wütende Demonstrantinnen und Demonstranten den Palast von Präsident Gotabaya Rajapaksa gestürmt. Sie warfen ihm vor, den Inselstaat durch Misswirtschaft und Korruption in den Abgrund geschickt zu haben.

Rajapaksa floh ausser Landes und erklärte seinen Rücktritt, die Bilder jubelnder Menschen im präsidialen Pool gingen um die Welt. Viele von ihnen hofften, dass sich nun alles zum Besseren wenden würde.

Demonstrieren ist riskant

Für Nawodh Hennayake tat es das: «Die Touristen kommen wieder und mit ihnen auch die Einnahmen», erzählt der Hotelbesitzer aus dem bei Reisenden beliebten Süden der Insel. Doch in vielen anderen Landesteilen und Branchen geht es den Menschen nach wie vor schlecht.

Mehr als sechs Millionen Menschen leiden nach UN-Angaben unter Ernährungsunsicherheit. Sogar gut ausgebildete Fachkräfte fallen unter die Armutsgrenze, viele von ihnen haben das Land bereits verlassen.

Auch Hoffnungen auf einen politischen Neuanfang wurden enttäuscht. Mit Rajapaksas Nachfolger Ranil Wickremesinghe bleibt ein Angehöriger der alten Eliten an der Macht – und der macht immer deutlicher, dass ein Demokratisierungsprozess nicht zu seinen Prioritäten gehört. Neu aufkeimende Proteste werden mit einem scharfen Antiterrorgesetz niedergeschlagen, bis zu 18 Monate können Demonstranten ohne Anklage inhaftiert werden.

Gegenkandidaten fehlen

Wickremesinghes Demokratieverständnis zeigt sich auch im Umgang mit den Kommunalwahlen, die am 25. April stattfinden sollen. Sie wurden bereits mehrfach verschoben – zuletzt mit der Begründung, es sei kein Geld da, um die Wahlscheine zu drucken. Beobachter gehen davon aus, dass der wahre Grund ein anderer ist: Die Regierung hat gar kein Interesse daran.

Denn die könnten zum herben Rückschlag für die herrschenden Eliten werden. Die neuerliche Verschiebung sowie Steuererhöhungen haben eine neue Welle der Empörung ausgelöst. Ein Verlust der Regierungsparteien bei den Kommunalwahlen gilt als wahrscheinlich und könnte sogar dazu führen, dass auch eine Neuwahl des Parlaments gefordert wird. «Es könnte den Anfang vom Ende der Wickremesinghe-Rajapaksa-Regierung markieren», schreibt Jayadeva Uyangoda, ehemaliger Professor für Politikwissenschaften an der Universität von Colombo.

Bisher gibt es aber keine oppositionelle Kraft, die bereit wäre, sich dieser Herausforderung zu stellen. Nach dem Rücktritt Rajapaksas vergangenes Jahr habe es bereits eine Lücke gegeben, «die aber niemand füllen wollte», sagt Koch von Sri Lanka Advocacy. «Die Lösung der Wirtschaftskrise ist eine Mammutaufgabe, daran will sich niemand die Finger verbrennen.»

Reformen anpacken

Wickremesinghe spielt indes auf Zeit. Der Internationale Währungsfonds hat Sri Lanka in einer Vereinbarung umgerechnet rund 2,6 Milliarden Franken in Aussicht gestellt. Der erste Teil davon ist Ende März bereits ausgezahlt worden. Mit diesem Geld hofft die Regierung, die Wirtschaft zu stabilisieren und so die Stimmung im Land zu ihren Gunsten zu drehen.

Wolfgang Heinze von der Friedrich-Naumann-Stiftung hält das für zumindest denkbar: Das Geld sei zwar nur ein Tropfen auf den heissen Stein – doch der Deal könnte Vertrauen schaffen, sodass auch bilaterale Kredite wieder einfacher zustande kämen, sagt Heinze.

Zudem habe die Regierung durchaus sinnvolle Reformpläne. Unter anderem soll der Staatsapparat und insbesondere das völlig überdimensionierte Militär verkleinert werden. «Werden diese Reformen umgesetzt, hat Sri Lanka Chancen auf Erfolg», meint Heinze.