Kanada

Sprachen bewahren

Eine internationale Initiative sammelt Kinderbücher in indigenen und bedrohten Sprachen. Damit soll die sprachliche Vielfalt gestärkt werden.
Die indigene Sprache Quechua ist in Lateinamerika noch weit verbreitet – dennoch nimmt die Zahl der Sprechenden rapide ab. Im Bild ein Schüler vor einem Gestell mit Kinderbüchern in der Quechua-Sprache. (Bild: Martin Mejia / Keystone)

Die Geschichte ist weltbekannt: Als die Babylonier einen Turm errichten wollten, der bis in den Himmel reicht, schritt Gott ein – und liess die Menschen fortan in unterschiedlichen Sprachen sprechen. Verständigung wurde unmöglich, das Projekt scheiterte. Die Sprachverwirrung von Babel war geboren.

Heute ist das Problem ein anderes: Von den rund 6000 Sprachen, die derzeit noch auf der Welt gesprochen werden, sind viele vom Verschwinden bedroht. Der bekannte Autor und Sprachwissenschaftler Nicholas Evans schätzte einmal, dass in 100 Jahren nur noch etwa die Hälfte davon existieren wird.

Zu einem ähnlichen Schluss kamen Forscher des US-amerikanischen «Living Tongues»-Instituts: Dort geht man davon aus, dass alle zwei Wochen eine Sprache für immer verstummt. Meist handelt es sich um Sprachen kleiner indigener Völker. Sogenannte «moribunde» – vom Aussterben bedrohte – Sprachen werden oft nur noch von einer Handvoll Menschen gesprochen. Sterben sie, geht wertvolles Wissen verloren.

Dem drohenden Verlust sprachlicher Vielfalt will nun eine internationale Initiative entgegentreten: Die Unesco und das International Board on Books for Young People (Ibby) haben ein gemeinsames Projekt gestartet. Ihr Ziel: eine weltweite Sammlung von Kinderbüchern in indigenen und gefährdeten Sprachen.

Verlage, Bibliotheken und Privatpersonen sind aufgerufen, entsprechende Titel zu sichten, einzureichen und Vorschläge zu machen. Die Sammlung soll nicht nur das Bewusstsein für bedrohte Sprachen stärken, sondern vor allem auch jungen Leserinnen und Lesern weltweit Zugang zu ihrer sprachlichen Herkunft eröffnen.

Präsentiert werden soll die wachsende Bibliothek im kommenden Jahr im kanadischen Ottawa. So schliesst sich der Kreis zur Geschichte von Babel: Damals führte sprachliche Vielfalt zur Trennung der Menschen – heute könnte sie einen Beitrag zu ihrer Verständigung leisten.

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