So wird Jugendlichen beim Trauern geholfen

Einen nahestehenden Menschen zu verlieren, ist immer schwer. Bei Jugendlichen ist diese Belastung jedoch besonders gross. Wie ihnen bei der Verarbeitung geholfen werden kann, haben der Schweizer Autor und Theologe Stephan Sigg sowie die Pädagogin und Trauerexpertin Beate Alefeld in einem Buch festgehalten. 

Nach Verlusten senden Jugendliche oft ambivalente Signale, ob sie bei der Verarbeitung Hilfe wollen oder nicht. (Bild: Keystone)

Seit 18 Jahren betreut Beate Alefeld Kinder und Jugendliche, die jemanden aus ihrem engsten Umfeld verloren haben. Das können Eltern, Grosseltern, Geschwister oder Freunde sein. Dafür hat Alefeld die mehrfach ausgezeichnete deutsche Organisation Trauerland gegründet, an die sich Betroffene nach einem Verlust wenden können. «Gerade Jugendliche machen nach einem Verlust auf cool. Dabei hätten sie oft Redebedarf», sagt die Pädagogin Beate Alefeld.

Nimmt ein Jugendlicher mit Trauerland Kontakt auf, müsse in einem ersten Gespräch herausgefunden werden, ob er oder sie überhaupt über den Verlust sprechen will. «Die Bedürfnisse sind da sehr unterschiedlich. Manche kann man eher erlebnispädagogisch abholen, indem man mit ihnen beispielsweise spazieren oder klettern geht», weiss Alefeld.

Fragen nach der Schuld

Vielfältig sei auch, wie die Jugendlichen selbst den Verlust

verarbeiten. «Ein Mädchen hatte beispielsweise Angst, dass sie sich nach dem Tod nicht mehr an ihre Mutter erinnern kann, also haben wir mit ihr eine Erinnerungskiste mit Fotos zusammengestellt.» Ein anderer habe medizinisch ganz genau über den Krebs seiner Mutter Bescheid wissen wollen. «Wichtig ist herauszufinden, was der Jugendliche an Unterstützung braucht, um seine Trauer auf seine ganz persönliche Weise zu bewältigen», sagt die Pädagogin.

Während des Verarbeitungsprozesses kämen gerade bei Suiziden auch Fragen nach der Schuld auf. «Sie fragen sich beispielsweise, ob sie sich mehr um den Vater hätten kümmern können.» Auf solche schwierigen Fragen mit «nein, nein, du kannst nichts dafür» zu antworten, wie es Erwachsene dann oft tun, reicht gemäss Alefeld nicht. «Nach dem Tod haben die Jugendliche oft das Gefühl, etwas verpasst zu haben, dass sie nicht mehr nachholen können.»Wichtig sei, dass über Schuldgefühle geredet werden könne und man gemeinsam überlege, was die verstorbene Person dazu sagen würde. Das könne man unter anderem mit Übungen tun, in dem der Jugendliche die Augen schliesst, sich den Verstorbenen vorstellt und mit ihm eine imaginäre Kommunikation führt.

Am Ball bleiben

Hilfe bietet die Organisation Trauerland nicht nur Jugendlichen, sondern auch Eltern. Denn gerade in der Pubertät, einer sehr intensiven Phase des Lebens, falle es Jugendlichen oft schwer, Hilfe anzunehmen. «Sie wollen eigentlich, dass der Erwachsene am Ball bleibt und sich um sie kümmert, auch wenn sie das so nicht kommunizieren.» Manchmal sei es aber auch okay, wenn die Jugendlichen die Trauer erstmal wegschieben, Party machen oder Computergames spielen.

Auch der Glaube sei bei der Verarbeitung eines Verlustes ein Thema. Aber erst dann, wenn der Jugendliche selbst das Thema anspreche. «Wir zeigen ihm, was andere Menschen glauben, was ich selbst glaube. Er kann dann selbst entscheiden, ob ihm eine Richtung zusagt», meint Alefeld. Ihre Erfahrung habe gezeigt, dass gläubige Jugendliche aus ihrem Glauben Kraft bei der Trauerverarbeitung schöpfen können.

Tod Thema in sozialen Medien

Dass sich Jugendliche nicht nur bei Verlusten mit dem Thema Tod auseinandersetzen, diese Erfahrung hat Stephan Sigg, Theologe und Autor des Buches «Trauerarbeit mit Jugendlichen», gemacht. «Im Religionsunterricht sprachen mich die Jugendlichen auch auf das Thema sterben an.» Interessant sei, wie präsent das Thema in den sozialen Medien sei. Dann etwa, wenn zum Beispiel ein Prominenter sterbe und viele die «Rest in Peace»-Mitteilungen posteten, sagt Sigg. Deshalb habe er sich entschlossen, zusammen mit Beate Alefeld das Thema aufzugreifen.

Dabei spiele auch die Theologie eine wichtige Rolle. Mit ihrer ausgeprägten Abschiedskultur leiste sie gute Hilfe, wenn jemand einen Verlust verarbeiten müsse. «Hier helfen sicher die vielen Trauerrituale und -symbole», sagt Sigg. Auch die Technologie könne eine Stütze sein. In sozialen Medien oder in Whatsapp-Chats könnten sie mit etwas Abstand über ihre Trauer schreiben. Dieser Austausch sei wichtig. «Ich will die Leute ermutigen, gerade mit Jugendlichen offener über das Thema Tod zu sprechen», sagt Sigg.


Beate Alefeld-Gerges (58) ist Gründerin, Vorstandsmitglied und pädagogische Leiterin des Vereins «Trauerland». Im Jahr 2017 wurde sie für ihr Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Die Organisation ist seit 1999 ein Zentrum für trauernde Kinder und Jugendliche und finanziert sich fast ausschliesslich durch Spenden. Mehr Informationen unter: www.trauerland.org  

Stephan Sigg (34) ist Journalist und Autor. Sigg, der 2007 sein Theologiestudium in Chur abschloss, lebt und arbeitet in St. Gallen. Er hat bereits zahlreiche Publikationen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene veröffentlicht. Mehr Informationen unter: www.stephansigg.com