Alt Bundesrat fürchtet um Werte wie Solidarität und Konsens

Auf einem Podium in der ökumenischen Kirche Flüh äusserte Samuel Schmid kürzlich seine Sorge um den Zusammenhalt der Schweiz. Werte wie Konsens und Solidarität seien heute durch die Politik bedroht, erklärte der alt Bundesrat.

Alt Bundesrat Samuel Schmid bekannte sich als regelmässigen Kirchgänger.
Alt Bundesrat Samuel Schmid bekannte sich als regelmässigen Kirchgänger. (Bild: Tilmann Zuber)

Werte auf dem Prüfstand in der ökumenischen Kirche Flüh: Am «ökumenischen Gipfeltreffen» gingen alt Bundesrat Samuel Schmid und die Philosophin Annemarie Pieper der Frage nach, welche Werte die Schweiz definieren. Pieper und Schmid waren sich einig, dass der Konsens in der Schweiz einen entscheidenden Wert darstellt. Der gesellschaftliche Wille nach Konsens beeindruckte Pieper, als sie in den 80er-Jahren von Deutschland in die Schweiz einwanderte. Für sie ist es das überzeugendste Gesellschaftsmodell, weil es auf dem Dialog fusse. Man mache politische Gegner nicht schlecht oder brülle sie nieder. Man trage Konflikte mit Argumenten aus. Heute entwickle sich die Politik leider in die gegenteilige Richtung, meinte Annemarie Pieper. «Behauptungen werden aufgestellt, medial untermauert und der politisch Andersdenkende geschwächt.»

Verlust der Solidarität

Samuel Schmid stimmte dem zu. Zum Verlust des Konsens’ gehöre das Schwinden der Solidarität. Die Gesetzgebung, die auf christlichen Werten beruhe, schütze die Sicherheit und Solidarität. Das laufe heute anders, sagte Schmid. «Gewiss ist, dass sich die Stärke des Volkes am Wohl der Schwächsten misst», zitierte er die Bundesverfassung. Blicke man jedoch in den «Vertrag mit dem Volk» der SVP, heisse es dort. «Eingedenk, dass der Schwache nicht stärker wird, wenn wir den Starken schwächen.» Hier zeige sich eine ganz andere Philosophie, erklärte Schmid. «Mit anderen Worten: Statt von Solidarität können die Schwachen von den Brosamen der Reichen leben.» Diese Denkweise nehme in der Gesellschaft und Politik überhand. Der alt Bundesrat bedauerte es, dass die Kirchen dies nicht aufdeckten. «Selbst die Medien scheint das nicht zu kümmern.»

Menschenrechte gelten als Luxus

Während heute Politik und Wirtschaft Grundwerte wie Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit als Luxus abtäten, dominiere die Ökonomie, so Annemarie Pieper. «In der globalisierten Welt verbreiten sich die Wirtschaftswerte, während Politiker die Menschenrechte nur noch am Rande erwähnen. In China etwa sind die Menschenrechte nur noch die leise Begleitmusik beim Wirtschaftsgespräch.» Die Ökonomisierung schlage sich auch in der Gesellschaft nieder, betonte Pieper. «Kinder, Ehe und freiwilliges Engagement werden in Münze umgerechnet .» In der Geschichte sei es gerade das Christentum gewesen, das die immateriellen Werte wie Nächstenliebe und Solidarität postulierte. Die Philosophin forderte, dass Ethik vermehrt in den Schulen gelehrt werde.

Heidi ging nicht in die Kirche

Bei der Suche nach religiösen Werten in der Schweiz, fiel dem Moderator Michael Bangert auf, dass Heidi nie in die Kirche geht, auch nicht der Öhi und der Geissenpeter. Und Schellenursli steige ebenfalls lieber auf die Alp, als dass er einen Gottesdienst aufsuche. Schmid und Pieper verstehen dies als Eigenheit des helvetischen Glaubens: Heidis Grossvater lebte in einer Bergwelt, die für ihn eine göttliche Ordnung darstellte. Dieser eigenartige Glaube an die Kraft der Natur und die Berge heilt Clara. Annemarie Pieper bestätigte, dass sich die helvetische Transzendenz auf Berge, Kühe und Schokolade beziehe. Der Politiker und die Philosophin erkennen darin keinen Mangel.

In der «Naturreligion braucht es keinen Pfarrer»

Immer mehr Menschen der westlichen Gesellschaft erführen inzwischen Gott in der Natur. «In dieser Naturreligion braucht es keine Pfarrer», folgerte Schmid. Die Leute liessen sich zwar nicht vom Förster beerdigen und suchten beim Todesfall nach wie vor die Kirche auf. Doch die Kirchen müssten sich fragen, warum die Leute beten und trotzdem nicht in den Gottesdienst kommen. Die Menschen suchten etwas, und fänden es leider nicht in den Kirchen, meinte Schmid, der sich selbst als Kirchgänger bekannte. Sonntags sitze er im Gottesdienst seiner Gemeinde, zusammen mit sieben älteren Damen. «Mit meinen 70 Jahren bin ich bald der Jüngste», witzelte der alt Bundesrat.

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».