Skepsis gegenüber Migration hat abgenommen

Eine Studie zur Willkommenskultur in Deutschland zeigt: Aktuell steht die Bevölkerung der Migration wieder etwas positiver gegenüber. Chancen sieht sie bei der Bekämpfung des Fachkräftemangels. Angst hat sie vor einer Überbelastung des Sozialstaates.


In der deutschen Bevölkerung ist Skepsis gegenüber Zuwanderung einer Studie zufolge weit verbreitet, hat aber abgenommen. Rund 52 Prozent finden, es gebe zu viel Einwanderung, wie eine am 29. August im deutschen Gütersloh veröffentlichte repräsentative Befragung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung ergab.

49 Prozent meinen zudem, Deutschland könne keine weiteren Flüchtlinge mehr aufnehmen, da die Belastungsgrenze erreicht sei – 2017 hatten das 54 Prozent gesagt. Unverändert 37 Prozent stimmen dagegen der Aussage zu, Deutschland könne und solle mehr Flüchtlinge aufnehmen, weil es humanitär geboten sei. Ostdeutschland blickt skeptischer auf die Einwanderung als der Westen.

Nach den Turbulenzen infolge der hohen Zuwanderung von 2015 sehe eine grosse Mehrheit auch verstärkt deren Vorteile, etwa für die Wirtschaft, heisst es in der Untersuchung. Negative Einschätzungen seien zwar ausgeprägt, schwächten sich im Vergleich zur vorherigen «Willkommenskultur» -Untersuchung von 2017 aber ab. Weitere Erkenntnis: Je jünger die Menschen und je höher die Bildungsabschlüsse, desto aufgeschlossener stehen sie Migration gegenüber.

Strategie gegen Fachkräftemangel

Im Einzelnen zeigt sich bei den kritischen Tönen: 71 Prozent der Befragten glauben, dass Zuwanderung den Sozialstaat zusätzlich belastet – rund 83 Prozent im Osten und 68 Prozent im Westen gaben das an. Gut zwei Drittel befürchten Konflikte zwischen Eingewanderten und Einheimischen. Eine Mehrheit (63 Prozent) meint, dass zu viele Migranten die deutschen Wertvorstellungen nicht übernehmen. Und etwa ebenso viele (64 Prozent) befürchten als Folge von Zuwanderung Probleme an den Schulen und Wohnungsnot in Ballungsräumen (60 Prozent).

Zugleich stimmen 65 Prozent der Aussage zu, dass Einwanderung positive Effekte auf die Wirtschaft hat – wobei im Westen 67 Prozent dieser Ansicht sind, im Osten nur 55 Prozent. Ebenfalls zwei Drittel der Befragten meinen, Migration mache das Leben interessanter und sei gut gegen die Überalterung der Gesellschaft. Und für 41 Prozent stellt der Zuzug von Ausländern eine Strategie gegen den Fachkräftemangel dar.

Pragmatisches Einwanderungsland

Die Studienautoren machen eine zwiespältige Haltung aus – mit einem skeptischen wie auch pragmatischen Blick. Aufnahmebereitschaft und Willkommenskultur hätten nach dem starken Zuzug von Flüchtlingen zwar zunächst gelitten. Aktuell stehe die Bevölkerung der Migration aber wieder positiver gegenüber. «Deutschland hat den Stresstest der Fluchtzuwanderung ab 2015 gut gemeistert und stabilisiert sich als pragmatisches Einwanderungsland», meinte Stiftungs-Vorstand Jörg Dräger.

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU), sieht die Integrationspolitik durch die Studie bestätigt. «Die Richtung stimmt und macht Mut», sagte sie dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. «Einwanderung wird immer stärker als Chance gesehen – vor allem bei jungen Menschen. Das überrascht nicht, denn in der Schule oder am Ausbildungsplatz ist Vielfalt längst Normalität.» (sda/bat)