Flüchtlingstag: «Gegen Radikalisierung hilft nur Aufklärung»

Am Flüchtlingstag vom Samstag in Zürich liest Lamya Kaddor aus Ihrem Buch «Zum Töten bereit» vor. Die Islamwissenschaftlerin spricht im Interview über die Gründe, warum Jugendliche aus dem Westen in den Jihad ziehen.

Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor hat die Motive deutscher Jugendlicher, in den Jihad zu ziehen, genau untersucht.
Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor hat die Motive deutscher Jugendlicher, in den Jihad zu ziehen, genau untersucht. (Bild: zvg)

Frau Kaddor, Sie treten am Samstag am Flüchtlingstag in Zürich auf was bringt ein solcher Tag im Hinblick auf die Flüchtlingskatastrophe in Syrien und Irak?
Mittelbar hat eine solche Tagung wohl keine direkten Auswirkungen auf Flüchtlinge in diesen Ländern. Es geht darum, die Öffentlichkeit hier zu erreichen, mehr Verständnis und Sensibilität zu schaffen, um an die Politik einen Appell der Verantwortung zu formulieren.

 

Welcher Appell? Sollte der Westen mehr Flüchtlinge aufnehmen?
Ja, der Westen sollte mehr tun und das heisst auch, mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Und wir sollten die aufgenommenen Flüchtlinge nicht nur als Belastung für unsere Länder sehen.

 

Sie lesen am Flüchtlingstag aus Ihrem aktuellen Buch «Zum Töten bereit» vor. Was kann man aus dem Buch lernen?
Es soll einen Einstieg ermöglichen in die Gedankenwelt junger Salafisten. Diese sind häufig in ihrer Persönlichkeit nicht gefestigt und hin- und hergerissen in ihrer Identität. Ich zeige auf, was passieren kann, wenn zwei wesentliche Fragen bei solchen Menschen nicht übereinstimmen: Wer bin ich und wer will ich sein? Häufig stehen sich die Antworten auf diese zwei Fragen diametral gegenüber. Das sind schlechte Voraussetzungen in einer Gesellschaft, in der man sich nicht zuhause fühlt. Und das nutzen salafistische Menschenfänger aus.

 

«Warum deutsche Jugendliche in den Jihad ziehen» heisst der Untertitel Ihres Buchs. Haben Sie die Antwort gefunden?
Jeder Jugendliche, der ein Problem mit seinem Selbstwertgefühl hat, der seine Identität sucht, ist anfällig, nicht nur geborene Muslime. Jugendliche suchen nach Anerkennung, Halt, Orientierung, nach Respekt und Zugehörigkeitsgefühl. Das erlangt man in der Regel nur, wenn man eine gefestigte Identität hat. Die sich zudem auf ein gemeinsames Wir stützt. Dieses aber gibt es für viele in Deutschland oder auch der Schweiz geborene Muslime nicht. Sie werden auch in zweiter, dritter Generation und wohl auch danach noch immer von vielen als Fremdkörper in der Gesellschaft wahrgenommen. Das erschwert es für sie, sich einzugliedern.

 

Fünf Ihrer Ex-Schüler erlagen der Jihad-Romantik und zogen nach Syrien. Was sind das für Menschen?
Menschen, die anfänglich Religion nicht ernst nahmen. Für die Religion nicht wichtig oder identitätsstiftend war in ihrem Leben. Aber wenn man in Deutschland kein Deutscher und in der Türkei kein richtiger Türke mehr ist, dann sucht man sich eben eine andere Identität, und die findet man dann häufig im Islam. Nur: Die wenigsten haben Kenntnis vom Koran oder wissen, was sie als Muslim auszeichnet. So entsteht ein Vakuum. Dieses füllen die salafistischen Hassprediger mit einer buchstäblichen Lesart des Islams.

 

Sie schreiben in Ihrem Buch von der Faszination einer anderen Welt, welche die Jugendlichen zum IS zieht Jugendliche aber wachsen zwangsläufig nur in einer Welt auf.
Natürlich. Doch wenn Jugendliche soweit kommen, ihr Leben hier aufzugeben und als einzige Alternative ein Leben im Islamischen Staat (IS) sehen in der Hoffnung, dass sie es dort besser haben, dann lässt das tief in unsere Gesellschaft blicken. Viele Menschen in Deutschland haben noch nicht verstanden, dass es ein Einwanderungsland ist und dass Einwanderer unsere Zukunft sicherstellen und unser Rentensystem bezahlen. In Deutschland streiten wir nach wie vor über die Frage, ob der Islam oder die Muslime heute zu Deutschland gehören. Das ist an Absurdität nicht zu überbieten!

 

Medien berichten immer wieder über die brutalen, menschenverachtenden Aktionen des IS. Trotzdem sind Jugendliche vom radikalen Salafismus fasziniert. Warum?
Vor allem weil sie das, was wir hier in unseren Medien sagen und schreiben, ausblenden. Wir sind für sie pure Lügner. Sie nehmen unsere Äusserungen nicht wahr. Sie setzen irgendwann Scheuklappen auf. Hören nur auf das, was die eigenen Leute sagen. Selbst Eltern oder einst enge Freunde werden nicht mehr angehört. Es gibt nur noch richtig und falsch, gut und böse. Vereinzelt identifizieren sich Jugendliche aber auch mit den IS-Kämpfern. Im IS entwickeln sie Allmachtsfantasien, wo sie über Leben und Tod entscheiden. In Deutschland empfinden sie ihr Leben nur als fremdbestimmt, sehen sich dauernd bevormundet.

 

Welche Rolle spielt das Internet?
Eine sehr grosse. Die stärkste Radikalisierung und Rekrutierung findet durch das Internet statt. Nicht in den Moscheen. Der IS hat seine eigenen Propagandakanäle.

 

Gibt es ein Gegenmittel?
Sperren oder zensieren von Internetseiten hilft wenig, da wachsen sogleich neue Kanäle wie Pilze aus dem Boden. Als Gegenmittel hilft nur Aufklärung.

 

Welche Warnsignale einer Radikalisierung gibt es bei Jugendlichen?
Wenn sie von heute auf morgen ihr Denken und Verhalten ändern. Wenn sie beginnen, ein Wir und ein Ihr zu konstruieren: Wir sind die Gläubigen – ihr die Ungläubigen, wir sind gut – ihr seid schlecht. Wenn ein Jugendlicher plötzlich anfängt zu beten, zu fasten, den Koran liest, dann kann das zwar, muss aber nicht ein Anzeichen für eine drohende Radikalisierung sein.

 

Wenn Eltern solche Anzeichen beim Sohn oder der Tochter feststellen was tun?
Viele Eltern können sich schlichtweg gar nicht vorstellen, dass ihre Kinder sich dem IS anschliessen könnten. Also müssen auch Eltern sensibilisiert werden. Für Betroffene gibt es in Deutschland Anlaufstellen, telefonische Beratung.

 

Was kann das private Umfeld von Jugendlichen tun?
Es gilt, wachsam zu sein: Das Umfeld sollte darauf achten, ob Jugendliche sich verändern und wenn ja, wie sie sich verändern. Nachbarn, Lehrer oder Sporttrainer müssen da mehr Sensibilität an den Tag legen! Bei den Jugendlichen selbst müssen wir darauf abzielen, sie zu mündigen Wesen zu erziehen, damit sie die Gefahr des radikalen Islamismus möglichst selbst schon erkennen. Auch dazu ist eine umfassende Aufklärung nötig – in der Schule, im Freizeitbereich, bei Jugendarbeitern.

 

 Stefan Schneiter / reformiert.info

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».