Seit 700 Jahren unsterblich – Italien lässt Dante hochleben

Zum 700. Geburtstag von Dante Alighieri feiert Italien seinen Nationaldichter. Unter anderem findet eine grosse Ausstellung mit hunderten Leihgaben statt.

Ein Porträt von Dante Alighieri (1265-1321) aus einer Privatsammlung (Bild: Keystone).

Man nennt ihn den «Sommo Poeta» und den Vater der italienischen Sprache. Als «Höchster Dichter» schrieb Dante Alighieri ein Epos aus 14'000 Versen über eine abenteuerliche Reise durchs Jenseits, verarbeitete darin das historische, naturwissenschaftliche und philosophische Wissen seiner Epoche und verknüpfte das Ganze auch noch mit einer überirdischen Liebesgeschichte. Mit der «Göttlichen Komödie», so der Name des Jahrtausendwerks, prägte der Autor die Entwicklung der Sprache seines Landes. Seit sieben Jahrhunderten ist Dante tot, doch sein literarisches Schaffen machte ihn unsterblich.

Zu seinem 700. Todestag in diesem Jahr lässt ganz Italien den Nationaldichter hochleben. Es gibt Ausstellungen und öffentliche Lesungen in vielen Städten, es gibt Konferenzen und Symposien, TV-Dokus und sogar einen Komponistenwettbewerb. Die Uffizien in Dantes Geburtsstadt Florenz zeigen seit Jahresbeginn online die Illustrationen des italienischen Malers Federico Zuccari (1540-1609) zur «Göttlichen Komödie». Die Sprachgesellschaft Accademia della Crusca präsentiert und interpretiert auf ihrer Webseite jeden Tag ein Dante-Wort. Es gibt seit vorigem Jahr auch einen Dante-Tag, den «Dantedì» am 25. März, dem Datum des Karfreitags 1300, an dem Dantes imaginäre Tour durch Hölle, Fegefeuer und Himmel begann.

Der Mann auf der italienischen Zwei-Euro-Münze wurde zwischen Mai und Juni 1265 in Florenz geboren. Dort schrieb er seine ersten Werke und lernte seine früh verstorbene Jugendliebe Beatrice kennen, die er später in der «Komödie» vergöttlichte. Er war auch Kommunalpolitiker. Pech für ihn, dass er sich in den Machtkämpfen zwischen kaiser- und papsttreuen Parteien auf der Verliererseite wiederfand. 1302 wurde er von den Siegern verbannt und in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Seine Heimatstadt sah er nie wieder. Die «Göttliche Komödie» begann er erst im Exil zu schreiben. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Ravenna, wo er am 14. September 1321 starb.

Seit Jahrhunderten streiten Florenz und Ravenna darum, wer sich vom Ruhm des «Sommo Poeta» mehr auf die eigenen Fahnen schreiben kann: Die Hauptstadt der Toskana, wo Dante zwei Drittel seines Lebens verbrachte, die ihn aber schnöde verstiess, oder die einstige Kaiserstadt an der Adria, die ihn mit offenen Armen aufnahm. Die Rivalität wirkt fort, und deshalb findet die bedeutendste Ausstellung des Dante-Jahres weder in Florenz noch in Ravenna statt.

300 Leihgaben in Ausstellung

Mit coronabedingter Verzögerung soll sie am 1. April in Forlì, einer Stadt zwischen Florenz und Ravenna, eröffnet werden. Unter dem Titel «Dante. La visione dell’arte» («Dante. Der Blick der Kunst») werden 300 Leihgaben gezeigt, darunter Werke von Michelangelo, Giotto und Tintoretto. Die Initiative ging von Uffizien-Direktor Eike Schmidt und dem Ausstellungsmacher Gianfranco Brunelli aus.

«Ich wollte in diesem Jahr einen neutralen Ort, weder in seiner Geburtsstadt Florenz, noch in seiner Todesstadt Ravenna, sondern auf halbem Weg, aber doch deutlich näher an Ravenna, Forlì kam da bestens als Möglichkeit», sagt Schmidt, ein Freiburger Kunsthistoriker, der Deutschen-Presse-Agentur. Am 24. April soll in Ravenna eine Ausstellung über Dante und die Kunst seiner Zeit öffnen. Für die beiden Expositionen gibt es dann ein gemeinsames Ticket.

Streit um Gebeine

Zum Jubiläum wurde das Grabmal Dantes in Ravenna renoviert, und man kann auf einer virtuellen Tour hineinschauen. In Florenz erinnert in der Kirche Santa Croce, wo grosse Geister wie Michelangelo, Niccolò Machiavelli oder Galileo Galilei ihre letzte Ruhe fanden, nur ein Kenotaph – ein Grabmal ohne sterbliche Überreste – an Dante. Immer wieder hatte Florenz früher gefordert, die Gebeine herauszugeben, und 1519 sogar Truppen nach Ravenna geschickt, um sie zu holen. Sie zogen mit leeren Händen ab, weil Mönche die Knochen gut versteckt hatten.

Neuere deutsche Ausgaben der Göttlichen Komödie

Seit dem 18. Jahrhundert sind von Dante Alighieris Hauptwerk «Die Göttliche Komödie» mehr als 50 deutsche Übersetzungen erschienen. Die wichtigsten neueren Ausgaben im Überblick:

– Dante Alighieri: La Commedia/Die Göttliche Komödie. Drei Bände im Schuber. Italienisch/Deutsch. Übersetzt und kommentiert von Hartmut Köhler, Reclam, 2082 Seiten, 65 Euro, ISBN 978-3-15-030076-3

Zweisprachige Ausgabe, Neuübersetzung in Prosaform von 2011 des Trierer Romanisten Hartmut Köhler mit reichem Kommentarteil. Die drei Bände sind auch einzeln erhältlich. Band 1 gibt es auch als preisgünstigere Ausgabe in Reclams Universal-Bibliothek.

– Dante Alighieri/Kurt Flasch: I. Commedia. In deutscher Prosa von Kurt Flasch, II. Einladung, Dante zu lesen, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 2011, 736 Seiten, E-Book, 44,99 Euro, ISBN 978-3-10-401701-3

Kurt Flasch, Philosophiehistoriker aus Mainz, liefert eine solide Prosaübertragung von 2011 mit umfangreichem Kommentarband. Es gibt auch Taschenbuchausgaben. Die zweibändige Prachtausgabe im Schuber von 2011 ist leider nicht mehr lieferbar. Flasch und Köhler könnten sich als neue Klassiker etablieren.

– William Blake. Die Zeichnungen zu Dantes Göttlicher Komödie, Sebastian Schütze, Maria Antonietta Terzoli, mit 14 Ausklappern und Leseband, Taschen, Köln, 2014, 324 Seiten, 100 Euro, ISBN 978-3-8365-5513-5

Prächtiger grossformatiger Bildband mit Illustrationen des englischen Dichters und Malers William Blake, Textauszügen zweisprachig mit Prosaübersetzung von Hartmut Köhler und reichem Kommentarteil. (dpa/bat)

Während der Streit zwischen Florenz und Ravenna laut Schmidt noch bis ins 20. Jahrhundert «mit der Schärfe von radikalen Fussballfans» geführt wurde, gibt es heute eher eine Art freundschaftlichen Wettstreit. «Für die Florentiner spielt das auch keine grosse Rolle mehr, wo die Überreste sind. Die Tatsache, dass er hier geboren wurde, aufwuchs, auch als Politiker wirkte, bevor er ins Exil ging, wird heute höher eingeschätzt als seine Knochen», sagt Schmidt.

Forlì war einer der ersten Exilorte Dantes. Wie sehr den Dichter später das Heimweh plagte, ist seiner Dichtung abzulesen. Offene Rechnungen mit Florentiner Zeitgenossen beglich er, indem er sie in der «Göttlichen Komödie» in den diversen Kreisen der Hölle platzierte, wo sie von Teufeln gemartert werden. Dort finden sich auch fünf der sechs Päpste wieder, die Dante erlebte.

Prozessurteil wird neu geprüft

Dante bleibt aktuell, noch heute wird der Dichter in Italien viel gelesen. «Dante-Zitate werden ohne weiteres von Politikern oder in Fernsehshows gebracht, und die Leute verstehen das auch durchaus», weiss Schmidt. Nun beschäftigt auch der Florentiner Prozess gegen Dante wieder die Gemüter.

Im Mai wollen sich Juristen und Historiker noch einmal den Fall Dante vornehmen und die juristischen Begründungen prüfen, mit denen er verurteilt wurde. Das zielt aber nicht auf eine Revision der Urteile ab, wie einige italienische Medien zunächst behauptet hatten. Da sei er falsch zitiert worden, versicherte der Astrophysiker Serello di Serego Alighieri, ein Dante-Nachfahre in 19. Generation.