Ein Magier der Schönheit und früher Popstar

Keiner malte so schöne Madonnen und so anmutige Engel wie Raffael. Vor 500 Jahren starb das Renaissance-Genie, zu dessen Bewunderern Päpste und Bankiers zählten, im Alter von nur 37 Jahren an Fieber.

Italien wollte seinen Superstar Raffael aus Anlass seines 500. Todestages gross feiern. Eine Ausstellung in Rom musste wegen Corona aber bereits nach wenigen Tagen geschlossen werden. Bild: Raffaels Gemälde «Madonna del Granduca». (Bild: KEYSTONE/Fabio Frustaci)

Raffaello Sanzio da Urbino liegt seit Tagen mit Fieber zu Hause. Es ist kurz vor Ostern im Jahr 1520. Der 37-jährige päpstliche Hofmaler wird die Festtage nicht mehr erleben. In der Nacht des 6. April, dem Karfreitag, stirbt Raffael. Er war einer der grössten Künstler seiner Zeit.

Der gut aussehende Mann habe sich die tödliche Infektionskrankheit durch seinen Hang zu Vergnügungen zugezogen – so wird es der Kunsthistoriker Giorgio Vasari wenige Jahrzehnte später in einer Biografie schreiben. Heute wird dieser Zusammenhang zwischen einem ausschweifenden Sexleben und dem Tod Raffaels von Experten ins Reich der Legende verwiesen.

Vereinnahmendes Multitalent

Dafür betonen manche zum 500. Todestag die Aktualität des Genies der Hochrenaissance: Er war ein Jungstar, der schon als Teenager Fans und Förderer hatte; ein Unternehmertyp, der seine Werkstatt fast wie ein Start-up führte; ein kluger Kopf, der Bankiers, Geistliche und Frauen für sich einnahm; und ein Denkmalschützer, der die antiken Schätze Roms vor dem Verfall bewahren wollte.

Mit Leonardo da Vinci (1452-1519) und Michelangelo (1475-1564) bildete Raffael eine Art Dreigestirn der Renaissance. In dieser Epoche der «Wiedergeburt» entdeckten die Menschen Werke und Wissen der Antike neu. Von Italien aus eroberte dieses Denken weite Teile Europas.

Verewigt auf Tassen und Briefpapier

Besonders bekannt ist Raffael für seine Madonnen-Bilder. 1483 in Urbino in den Marken als Künstlersohn geboren, entdeckt er früh den Reiz von Marien-Darstellungen. Ausser seinem Vater, der stirbt, als Raffael noch ein Junge ist, gilt auch Pietro Perugino als Vorbild. Perugino führt Werkstätten in Perugia und in Florenz. Das junge Talent geht bei dem Meister in die Lehre und wächst über ihn hinaus.

Eine Frau hält ihr Baby mit sanften Händen an Po und Rücken fest. Der Kopf der Mutter, das blonde Haar von blauem Tuch bedeckt, legt sich lächelnd an die Wange des Kindes. Die «Madonna mit Kind» von 1507/08 ist ein Beispiel, wie der Maler Natürlichkeit mit idealisiertem Gefühl und überhöhter Schönheit verbindet.

Geradezu als Popstar gilt er heute wegen seiner «Sixtinischen Madonna», die in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden ausgestellt ist. Doch hier ist es weniger die Madonna mit Kind in wehendem Gewand im Zentrum des Bildes, sondern es sind zwei kleine geflügelte Wesen am unteren Bildrand, den Kopf aufgestützt und den verschmitzten Blick nach oben gerichtet – diese beiden Engel haben es zu ungeahnter Berühmtheit gebracht: Ob auf Tassen, Servietten oder Briefpapier, es gibt fast nichts, was diese beiden nicht zieren.

Maler der Seelenstimmungen

Anfangs orientiert sich Raffael etwas steif an seinen Lehrern, an bewährten Gesichtstypen und Posen. Später sucht er lustbetonter und mutiger seinen eigenen Weg. Er malt eine mutmassliche Geliebte als Bäckerstochter («La Fornarina») und die Heldenfiguren antiker Mythen.

Doch am Ideal der Schönheit hält er fest. «Er gilt als Höhepunkt der Hochrenaissance für die Harmonie und Schönheit, die er in seinen Kompositionen erreicht», erläutert der Kunsthistoriker Michael Rohlmann, der an der Bergischen Universität Wuppertal und in Köln tätig ist. Oder, wie es oft heisst: als Maler der Seelenstimmungen.

«Es gibt eine enorme Entwicklung in seinem Werk von den Anfängen in Umbrien, die anmutig, zart und höfisch kultiviert waren, bis zu seiner römischen Zeit. Da war seine Kunst viel bewegter, dramatischer, rhetorischer, erzählender», sagt Rohlmann.

Fast moderner Geschäftssinn

Nach seiner Lehrphase in Florenz ruft ihn Papst Julius II. 1508/09 nach Rom. Der Pontifex beauftragt Raffael mit der Gestaltung der päpstlichen Privaträume, der «Stanzen». Auch als Architekt ist Raffael gefragt. Ab 1514 leitet er als Baumeister die Arbeiten am Petersdom. Raffael übernimmt zudem Grossaufträge von anderen finanzstarken Persönlichkeiten. So ist er an der Gestaltung der Villa Farnesina am Tiber-Ufer für einen toskanischen Bankier beteiligt. Überliefert ist auch sein Einsatz für den Erhalt antiker Stätten in Rom.

Uffizien-Direktor Eike Schmidt entdeckt nicht nur in Raffaels Kunst, sondern auch in seinem Geschäftssinn Bezüge zum Heute. Er habe den Kreativen in seiner Werkstatt viel Freiheit gelassen – fast wie bei «Start-up-Unternehmen», sagt er. Der Jungstar nutzt das Team, um sein Werk zu popularisieren. Dazu dient ihm die Druckgrafik, lässt Gemälde und Fresken von einem befreundeten Kupferstecher reproduzieren. So kann, was sonst an Wand oder Decke nur für wenige zu geniessen ist, breiter verkauft werden.

Nach seinem überraschenden Tod wird der Ausnahmekünstler in einem ehemaligen Tempel aus der Antike, die er so liebte, im Pantheon, beigesetzt. Italien wollte Raffael eigentlich das ganze Jahr mit mehreren Schauen ehren. Die Mega-Ausstellung im Museum Scuderie del Quirinale musste wegen der Corona-Welle jedoch kurz nach der Eröffnung im März wieder schliessen. (sda/dpa)