«Schon das Wort Seelsorge ist womöglich übergriffig»

In Schweizer Spitälern liegen immer mehr Angehörige nichtchristlicher Religionen. Die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn haben nun ein ökumenisches Projekt gestartet, das dieser Entwicklung Rechnung tragen soll. Heinz Bichsel, Leiter des Bereichs OeME-Migration, spricht über den Sinn des Projekts und die Herausforderungen.

Das Pilotprojekt will allgemeine Standards für die Spitalseelsorge ausarbeiten und dafür mit Angehörigen nichtchristlicher Religionen zusammenarbeiten. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Herr Bichsel, die Berner Kirchen wollen mit einem Pilotprojekt ein Konzept für die interreligiöse Begleitung von Patienten erarbeiten. Bisher war das Seelsorgeangebot in Spitälern ohnehin schon offen für alle Patientinnen – unabhängig von ihrer religiösen Zugehörigkeit. Wozu nun dieses Projekt?
Das heutige Angebot ist aus der Tradition der christlichen Seelsorge entstanden. Heutzutage werden aber vermehrt Angehörige anderer Religionen in Schweizer Spitälern betreut. Schon das Wort Seelsorge ist christlich geprägt und womöglich übergriffig für Menschen, die ein anderes Verständnis der Begleitung von Patienten haben. Wir wollen darum mit diesem Projekt Menschen anderer Traditionen zur religiösen Begleitung befähigen.

Ist es verhältnismässig, dass die Kirchen ein grosses Projekt in Angriff nehmen für Angehörige anderer Religionen?
Die Kirchen haben im Kanton Bern einen Vertrauensvorschuss und die Mittel bekommen, um die seelsorgerliche Begleitung im öffentlichen Gesundheitswesen sicher zu stellen. Es ist also eine Verantwortung der Kirchen, eine Dienstleistung anzubieten, die der Pluralität unserer Gesellschaft gerecht wird.

Es geht also auch um ein Eigeninteresse der Kirchen?
In erster Linie geht es darum, dass Patientinnen im Spital die religiöse Begleitung erhalten, die sie sich wünschen und die für sie hilfreich ist. Das Projekt liegt natürlich schon in unserem Interesse. Die Kirchen haben sich in der christlichen Seelsorge viel Knowhow erarbeitet, das sollte man wertschätzen und nicht unter den Scheffel stellen. Wir wollen als Kirchen weiterhin aktiv bleiben in diesem Bereich und die Zukunft mitgestalten.

Warum setzt das Projekt auf ehrenamtliche Seelsorger? Wäre es nicht nachhaltiger, ein Konzept für professionelle, bezahlte Seelsorger mit den entsprechenden Religionsgemeinschaften zu entwickeln?
Der Boden, um direkt mit einer bezahlten religiösen Begleitung einzusteigen, ist nicht gegeben. Es kann hier nicht einfach der christliche Massstab vorausgesetzt werden, wo Seelsorgerinnen und Seelsorger ein Theologiestudium und eine Zusatzausbildung benötigen. Oft fehlen offizielle Strukturen. Es ist überhaupt noch nicht geklärt, welche professionellen Voraussetzungen bei anderen Religionsgemeinschaften angemessen sind.

Wie wird sich dadurch die bisherige Spitalseelsorge verändern?
Auf lange Sicht wird bestimmt auch die traditionelle Spitalseelsorge beeinflusst. Inwiefern, ist jedoch noch nicht vorhersehbar. Das Projekt an sich will nicht das traditionelle Angebot der Spitalseelsorge hinterfragen. Der Fokus liegt darauf, die religiöse Begleitung in Spitälern auf andere Religionsgemeinschaften auszuweiten.

Worin wird für dieses Projekt die grösste Herausforderung bestehen?
Ich sehe fast nur Herausforderungen. Trotzdem habe ich ein gutes Gefühl bei dem Projekt. Die nächste Stufe wird sein, geeignete Leute zu finden, die ihre Religionsgemeinschaft repräsentieren und gleichzeitig von den Patienten akzeptiert werden. Die grosse Herausforderung wird nach Abschluss des Projekts darin liegen zu schauen, dass es für sie professionelle Entwicklungsmöglichkeiten gibt.