«Sterben ist kein isolierter Prozess»

Die SRF-Sendung «Rundschau» berichtete am vergangenen Mittwoch über zwei demente Frauen, die den begleiteten Freitod mit Exit wählten – obwohl sie zu diesem Zeitpunkt noch gesund waren. Pascal Mösli, reformierter Theologe und Beauftragter Palliative Care in der Berner Kirche, sah den Beitrag mit Unbehagen.

Depressive Verstimmungen können den Entscheid zum begleiteten Freitod mitbeeinflussen. (Bild: Keystone/CARO CARO/OBERHAEUSER)

Herr Mösli, Sie haben den «Rundschau»-Beitrag über den begleiteten Freitod zweier dementer Frauen gesehen. Was denken Sie – schickte Exit diese zu früh in den Tod?

Nun, bei der Entscheidung zum Freitod muss die Urteilsfähigkeit gewährleistet sein – das erklärt in diesen Fällen den Zeitpunkt. Was ich problematisch finde: Die eine Frau wählt den Freitod nicht aufgrund ihres gegenwärtigen Erlebens, sondern weil sie sich davor fürchtet, was die Zukunft bringt. Beim begleiteten Freitod gehen wir ausserdem von der Voraussetzung aus, dass die Entscheidung frei und selbstbestimmt getroffen wird. Hier stellt sich aber die Frage: Ist der Entscheid der Frau wirklich Ausdruck ihrer Freiheit? Möglich wäre ja auch, dass eine depressive Verstimmung in dieser belastenden Situation die Entscheidung mitbeeinflusst hat.

Für Exit ist die Entscheidung der Frau ein sogenannter Bilanzsuizid, der auf einer rationalen Abwägung von Lebensumständen basiert.

Ich halte diese Argumentation für fragwürdig. Der Bilanzsuizid ist in meinen Augen oft nicht mehr als eine Fiktion. Schaut man genauer hin, geschehen die wenigsten Suizide aufgrund einer nüchternen Bilanzierung.

Gibt es im Beispiel der dementen Frau einen Hinweis darauf, dass andere Motive eine Rolle gespielt haben?

Mir ist aufgefallen, dass die Frau mehrmals betont hat, dass nur die beiden Angehörigen von ihrer Freitod-Absicht wissen. Für mich deutet das auf eine starke Einengung hin, in der sie ihre Entscheidung getroffen hat. Sie traut sich ja gegenüber der Sterbeorganisation nicht einmal zu sagen, dass sie am Freitag statt am Donnerstag sterben will. Eine solche Einengung kann die Selbstbestimmung einschränken. Da müsste man sehr genau hinsehen und fragen, aus welcher Stimmung heraus die Frau ihre Entscheidung getroffen hat.

Welche Rolle spielen dabei die Angehörigen?

Für die Angehörigen ist es eine schwierige Gratwanderung: Zum einen wollen sie den Kranken nicht bevormunden oder manipulieren, sondern ihn in seiner Freiheit respektieren und unterstützen. Zum andern wollen sie nicht, dass die andere Person geht, sie sind ja an ihrem Weiterleben interessiert. Sie sind also mit widersprüchlichen, starken Gefühlen konfrontiert. Das ist oft sehr belastend. Sterben ist kein isolierter Prozess, sondern betrifft auch die Angehörigen, Freunde und Bekannten. Das dürfen wir nicht vergessen.

Dennoch sollte doch in erster Linie der Wille der betroffenen Person entscheidend sein.

Mit dieser Argumentation machen wir es uns gerade bei der Demenz zu leicht. Es geht im gesellschaftlichen Kontext auch darum, wie wir das Leben mit Demenz beurteilen. Der deutsche Soziologe Reimer Gronemeyer sagte einmal, die Demenz sei die Zwillingsschwester der Autonomie. Er meinte damit, dass die Krankheit genau das zum Vorschein bringe, wovor wir in unserem Wunsch nach Selbstbestimmung am meisten Angst hätten.

Heisst das, wir müssen wieder lernen, dass das Leben nicht nur selbstbestimmt ist?

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin selbst ein Verfechter von Freiheit und Selbstbestimmung. Wir vergessen einfach manchmal, dass unsere Freiheit oft erst durch andere ermöglicht wird. Es ist paradox: Gerade in Krisen brauchen wir einander, um wirklich frei sein zu können. Wenn es mir schlecht geht und mein Umfeld Verständnis dafür hat, dann unterstützt es mich auch in meiner Selbstbestimmung.