«Scharfsinniger Poet», «ratloser Christ», «grosser Liebender»

Der grosse Kurt Marti ist vergangenen Samstag 96-jährig gestorben. Sein Tod hat die Menschen weit über das Feuilleton und Kirchenkreise hinaus berührt. Eine Auswahl von Nachrufen.

Kurt Marti in einer Aufnahme aus dem Jahre 2001, entstanden anlässlich seines 80. Geburtstags. (Archivbild Reformierte Medien)

«Wer über Kurt Marti einen Nachruf schreibt, muss sich dem Vergleich mit dem Vorbild stellen», gibt Stefan von Bergen in der Berner Zeitung zu bedenken. Der langjährige BZ-Redaktor, ein guter Bekannter des verstorbenen Marti, macht keinen Hehl aus seiner Ehrfurcht vor dieser Aufgabe. Vielleicht hat er gerade darum den wohl intimsten Nachruf auf den «gläubigen Skeptiker» geschrieben. Von Bergen beschreibt den Schriftsteller und Pfarrer als einen, der schon lange den «Rückzug» angetreten hatte. 2014 hatte Marti dem Journalisten ein letztes Interview gewährt, ein «ungeschminktes, radikales Vermächtnis». Bereits damals war die Rede von der «leeren Zeit» und dem Warten auf den Tod. «Könnte er noch etwas sagen, wäre er froh, es ist zu Ende», schreibt von Bergen. «Er sei ein Überzähliger, ein Überbleibsel aus einer alten Zeit, sagte er bei unserem letzten Besuch zu einer Zigarette im Fumoir des Altenheims. Dazu blickte er ein wenig verloren durch sein altes Brillenmodell zurück auf sein Leben.»

Von Bergen erinnert sich an Marti als «wortgewaltigen Prediger», der als ehemaliger Student von Karl Barth «mit Skepsis imprägniert» worden sei. Marti, der Atomgegner, Marti, der Pazifist, Marti, der Mitbegründer der «Erklärung von Bern» sei als politisierter Berner Pfarrer eine «Reizfigur» gewesen. 1972 verweigerte ihm der Berner Regierungsrat eine Theologieprofessur, und als er sich mit dem Subversivenjäger Ernst Cincera anlegte, endete das in einem Ehrverletzungsprozess, der Marti eine «halbe Niederlage» und einen «kostspieligen Vergleich» einbrachte.

Ein Freund der Menschen

Res Strehle würdigt Marti im Tages-Anzeiger als «akribischen Beobachter», der aus den «Wörtern holte, was sie unter ihrer Oberfläche zu verbergen schienen.» Seine gesellschaftskritischen Beobachtungen seien an manchen Stellen geradezu visionär gewesen, etwa jene zur Zersiedelung. Bereits 1964 habe er beklagt, wie «konzeptionslos und chaotisch unsere Städte weiter ins Land hinein wucherten».

Marti, so Strehle, sei aber nicht nur ein scharfsinniger Poet, sondern auch ein grosser Liebender gewesen. So wünscht er ihm, der dem ewigen Leben immer skeptisch gegenüberstand, wenigstens ein Wiedersehen mit seiner 2007 verstorbenen Ehefrau Hanni. Unter seinen letzten Gedichten waren zahlreiche Liebeserklärungen an sie.

In der NZZ zieht Roman Bucheli den Hut vor dem Theologen und Dichter, der mit Leidenschaft die «aufklärerische Kraft des Wortes verteidigte». Marti sei einer gewesen, «den das Leiden der Menschen weder gleichgültig liess noch verstummen liess». Die Sprache, so Bucheli, diente Marti als «Werkzeug der Erkenntnis», sie sei ihm «Fernglas» und «Lupe» in einem gewesen. Dabei habe sich Marti mit jedem literarischen Werk neu erfunden: «Im Spiel stellte er das Sprachmaterial auf die Probe», so Bucheli. Für ihn ist Marti vor allem ein «Humanist aus Überzeugung und Leidenschaft», der in seinem dichterischen Schaffen um eine «Anschauung der Freiheit» gerungen habe: «Furios und mit Witz, scharfzüngig und liebenswürdig, war er ein Freund der Menschen und des Wortes.»

Für manche ein moderner Luther

Auch die Kirche erweist Marti ihre letzte Referenz. Daniel Inäbnit, Kirchenschreiber der Reformierten Bern-Jura-Solothurn, bezeichnet Marti in seinem Nachruf als einen «Glücksfall» für die Reformierten. Marti, der lange Jahre in der Berner Nydeggkirche predigte, sei allerdings nie ein «pflegeleichter Pfarrer» gewesen. Mit seinem politischen Engagement sei er angeeckt, manche warfen ihm vor, er habe «von der Kanzel herab die Kirche in einen Debattierklub verwandelt». Die Zeiten des Anstosses seien aber längst vorbei gewesen, so Inäbnit.

Schriftsteller Pirmin Meier würdigt Marti in der Aargauer Zeitung als Theologen «jenseits der Dogmatik». Er spricht vom Verlust des «letzten bedeutenden Geistlichen unter den Schweizer Autoren». Mit ihm sei ausgerechnet im Gedenkjahr der Reformation der vielleicht «letzte Reformator der Schweiz» gestorben. Meier sieht Martis eigentliche Bedeutung in seiner «sprachgewaltigen Verbindung moderner Zeitkritik mit theologischem Hintergrund» und zieht hier Parallelen zu Luther: «Als moderner Theologe räumte Marti mit Phrasen in Predigten und bei Abdankungen auf, was sich in seinem Gedichtband «Leichenreden» manifestiert. Als Sprachkritiker war Marti ein neuer Luther, wenngleich ohne dessen gewaltigen Einfluss.»

Verbindungen zur Spoken-Word-Szene

Der Berner Kulturkenner Christoph Reichenau wiederum verabschiedet sich im Journal B von Marti als «Theologe, Lyriker, Chronist und Citoyen». Marti, so Reichenau, sei ein «Theologe im Angriff» gewesen. Die lyrische Unerschrockenheit von «rosa loui» befreite die Mundart 1967 aus ihrer «Totenstarre». Marti war Teil der «modern mundart» der 1968er, die später zur Spoken-Word-Szene führte: «Bern ist überall» mit Guy Krneta, Pedro Lenz oder Beat Sterchi wäre ohne Martis Lob der «schöni vo de wüeschte wörter» nicht denkbar.

Der katholische Theologe Erich Garhammer schliesslich verbeugt sich vor Marti im katholischen theologischen Feuilleton feinschwarz mit dessen «Spätsätzen». Diese hatte Marti im Altenheim, als Witwer, verfasst: «Seitdem die täglich und nächtlich vertraute Zwiesprache aufgehört hat, schwinden mein Wortschatz und mein Ausdrucksvermögen.» Der Vorstellung einer «zunehmenden Vergeistigung im Alter», so Garhammer, habe Marti nichts abgewinnen können. Ebensowenig jedoch dem «heillos egozentrischen» Trost eines Ewigen Lebens. Eine «Geographie des Jenseits, Ausmalungen dessen, wie es einmal sein könnte», habe Marti sich verboten, sie waren ihm verdächtig. Für Garhammer sind die Spätsätze Martis eine «geistliche Lektüre mit Tiefgang» und gleichzeitig eine «Theologie und Poesie mit Zeitindex», nämlich «eines alten Menschen mit Blick auf Tod und Sterben.»