Religion verliert im arabischen Raum an Bedeutung

Eine gross angelegte Umfrage in elf arabischen Ländern zeigt, dass sich dort weniger Menschen als religiös bezeichnen als noch vor einigen Jahren. Auch über Fragen der Gleichstellung und Migration gibt die Studie Auskunft.


Die Menschen im arabischen Raum kehren der Religion zunehmend den Rücken – zu diesem Schluss kommt zumindest die neuste Erhebung des «Arab Barometer». Dieses Forschungs-Netzwerk, das unter anderem von BBC News Arabic, der amerikanischen Princeton-Universität und dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen finanziert wird, führt seit 2006 regelmässig Befragungen in mehreren arabischen Ländern durch.

Für die neuste Welle wurden zwischen Herbst 2018 und Frühling 2019 über 25’000 Menschen mit Fragen zu Religiosität, Politik, Sicherheit oder Gender konfrontiert.

Dabei zeigte sich, dass die Zahl der Menschen, die sich selbst als «nicht religiös» bezeichnen, in fast allen elf untersuchten Ländern zugenommen hat – konkret von 8 Prozent im Jahr 2013 auf 13 Prozent in der aktuellen Erhebung. Dies berichtete kürzlich die BBC, die einen Teil der Befragung ausgewertet hat; die detaillierten Daten werden voraussichtlich erst im September öffentlich zugänglich gemacht.

Am meisten Nicht-Religiöse in Tunesien

Wie die BBC weiter schreibt, zeigt sich der Anstieg bei Personen unter 30 am stärksten; hier beträgt der Anteil der Nicht-Religiösen 18 Prozent. Über alle Altersgruppen hinweg ist der Anteil Nicht-Religiöser in Tunesien am grössten (rund 30 Prozent) und im Jemen am kleinsten (rund 5 Prozent). Der Jemen ist zudem das einzige Land in der Erhebung, in dem der Anteil der nicht religiösen Menschen seit 2013 kleiner geworden ist.

Neben der Religiosität untersucht das «Arab Barometer» auch Fragen der Gleichstellung oder Migration. So zeigte sich beispielsweise, dass mindestens jeder fünfte Befragte mit dem Gedanken spielt, auszuwandern. Im Sudan trifft das auf rund die Hälfte der Menschen zu. Europa ist dabei jedoch nur für die Befragten in den drei Maghreb-Staaten, für Iraker, Libyer und Palästinenser das bevorzugte Ziel. Die Angehörigen der anderen Staaten zieht es nach Amerika oder in die Golfstaaten.

Frau als Präsidentinnen, aber nicht als Familienoberhäupter

In Bezug auf Genderfragen schreibt die BBC, dass eine Mehrheit der Befragten eine Frau als Staatsoberhaupt akzeptieren würde; gleichzeitig sei aber auch eine Mehrheit der Meinung, dass in Familienangelegenheiten die Männer das Sagen haben sollten.

Gegenüber der Zeitung The Guardian sagte die Gleichstellungs-Expertin Dima Dabbous, in Nordafrika und dem arabischen Raum sei Gleichberechtigung zwar mittlerweile als Zeichen für gesellschaftlichen Fortschritt anerkannt. Doch wenn es um die konkrete Rolle der Männer gehe, zeige sich wieder das patriarchale und männer-zentrierte Denken.

Für die aktuelle Welle des «Arab Barometer» wurden Menschen in Tunesien, Marokko, Algerien, Libyen, Ägypten, Jordanien, dem Libanon, dem Jemen, dem Sudan und dem Irak sowie den palästinensischen Territorien befragt. Die Stichproben von rund 2400 Personen pro Land sind gemäss der Website des «Arab Barometers» repräsentativ. (vbu)