Religion und starke Frauen am Filmfestival in Locarno

Der portugiesische Film «Vitalina Varela» hat den Goldenen Leoparden am 72. Filmfestival in Locarno gewonnen. In diesem wie in auffallend vielen anderen Filmen war Religion ein Thema. Der Preis der Ökumenische Jury ging an «Maternal», eine Geschichte über Teenager-Mütter in einem argentinischen Kloster.

In «Materna» kümmert sich die Ordensfrau Paola um die Kinder von alleinerziehenden Müttern. (Bild: ©Locarno Film Festival)

Es gibt Filme, die aus einer tiefen Verzweiflung heraus ihre Geschichte erzählen und ihre eigentliche Form entwickeln. Aus dem Leiden an der Welt und den ungerechten Verhältnissen entsteht beim Zuschauen das starke Bedürfnis, einen religiösen Ausweg zu suchen.

Eine solche leidende Figur zeigt der portugiesische Regisseur Pedro da Costa in seinem Film «Vitalina Varela». Vitalina ist eine Frau aus den Kapverden, die lange Jahrzehnte darauf gewartet hat, nach Lissabon zu fliegen und dort ihren Mann zu treffen. Sie kommt jedoch drei Tage zu spät und die Beerdigung hat bereits stattgefunden.

In einem ausdruckstarken Spiel von dunklen Szenen und schön ausgeleuchteten Gesichtern erleben die Zuschauer eine Form, die sich dem vollständigen Stillstand annähert. Vitalina Varela ist sowohl der Name der echten Darstellerin als auch der Titel des Films. Es ist ihre eigene Geschichte, die sie spielt. So bekommt der Film eine authentische Kraft. In ihrer Verzweiflung bleibt Vitalina stark in ihrem würdevollen Ausdruck.

Gestalterische Qualität – Tiefe der Erzählung

Die gestalterische Qualität des Films mit seinem ausdrucksstarken Hell-Dunkel-Kontrast deckt sich mit der menschlichen Tiefe der Erzählung. Das haben sowohl die Ökumenische Jury als auch die Internationale Jury erkannt und entsprechend mit Auszeichnungen am Filmfestival gewürdigt: dem Goldenen Leoparden für den besten Film, der Auszeichnung für die beste Hauptdarstellerin und eine lobende Erwähnung der Ökumenischen Jury.

«Maternal» – Madonna mit Kind

Den Hauptpreis der Ökumenischen Jury erhielt dieses Jahr der Film «Maternal», der die Mutterliebe in den Mittelpunkt stellt. Er wirft die Frage auf, ob die Heilige Familie ein Modell, ein Symbol oder ein verlorenes Ideal ist.

In einem argentinischen Kloster betreibt ein Frauenorden aus Italien ein Heim für alleinerziehende Mütter mit Kindern. Die beiden jungen Frauen Lu und Fati sind durch ihre Schwangerschaft plötzlich mit dem Ernst des Lebens konfrontiert, obwohl sie noch Teenager sind. Die Ordensfrauen unterstützen sie mit allem, was sie brauchen. Vor allem sind es die kleinen Kinder, die betreut werden müssen.

Mutterliebe einer Ordensfrau

Die junge Ordensfrau Paola trifft zu Beginn von «Maternal» im Kloster ein. Sie steht kurz vor ihren ewigen Gelübden. Angesichts der sozial fragilen Situation der Frauen im Heim engagiert sie sich stark für die Kinder. Als die Mutter eines Mädchens verschwindet, nimmt sie sich des Kindes an. Schwester Paola lebt ihre Mutterliebe in einer Form, die auf den ersten Blick erstaunt.

Selten hat ein Film das Thema der Mutterliebe so differenziert durchgespielt. Der Film zeigt die Liebe der Klosterfrau anstelle der leiblichen Mutter, und als Zuschauer assoziiert man in einigen Szenen das Bild der Madonna mit Kind.

Teenager-Mütter Lu und Fati mit Schwester Paola im Film «Maternal» (Bild: © Locarno Film Festival)

Hohe ästhetische Kompetenz

Die Bedürftigkeit und Zerbrechlichkeit der jungen Mütter sind erschütternd. Die bedingungslose Liebe von Schwester Paola wirkt überraschend vielschichtig. Damit gelingt es der jungen Regisseurin Maura Delpero, die universale Bedeutung von Mutterliebe sowohl spirituell als auch leibhaftig konkret durchzuspielen. Der liebende Blick der Filmemacherin auf dieses religiöse und soziale Drama ist in jeder Einstellung spürbar. Die Ökumenische Jury hält in ihrer Begründung fest: «Der mit hoher ästhetischer Kompetenz gestaltete Film wirft dringende universelle moralische Fragen auf.»

Religiöser Extremismus versus Weltoffenheit

Mit «Baghdad in my Shadow» präsentierte der Schweizer Regisseur Samir seinen neuen Spielfilm ausserhalb des Wettbewerbs. Er erzählt von der irakischen Exilgemeinde in London: eine sympathische und weltoffene Truppe von Widerstandskämpfern, Poeten, Kommunisten und Homosexuellen. Sie mussten vor dem Regime und der Folter fliehen. Diese Gemeinschaft trifft sich im Café «Abu Nawas». Doch schon bald holt sie die Geschichte ein: die dunkle Vergangenheit des Dichters Taufiq tritt ebenso ans Tageslicht wie die Verstrickungen von Amal, einer jungen Architektin, die jetzt als Barfrau im Café arbeitet. Nasser, der Neffe von Taufiq, gerät in den Einflussbereich eines radikalen Imams.

Die Spannungen in der Exil-Gemeinschaft nehmen zu, bis sich die Ereignisse überstürzen und gewaltsam entladen. Samir vermittelt mit seinem Spielfilm eine deutliche Botschaft: Gegen religiösen Extremismus und politische Manipulation gilt es Widerstand zu leisten. Insbesondere die irakische Exil-Gemeinde steht für eine offene, liberale Gesellschaft.

Imam im Konflikt

Auch in Afrika ist das Thema des religiösen Extremismus stark präsent. Im Film des senegalesischen Regisseurs Mamadou Dia «Baamum Nafi» («Nafi’s Father») ist der Konflikt zwischen radikalem und weltoffenem Islam Hauptthema. Er erzählt von einem Imam, der sein Dorf vor dem Eindringen islamistischer Kräfte schützen möchte. Dabei wird die Ohnmacht des Imams, der seine Tochter Nafi weltoffen erzogen hat, deutlich. Der Film erhielt in Locarno den Preis für den besten Erstlingsfilm.

Islam in der Schweiz

Aus Schweizer Sicht setzt sich David Vogel in «Shalom Allah» mit dem Islam auseinander. Er geht der Frage nach, was Schweizerinnen und Schweizer dazu bewegt, zum Islam zu konvertieren. Daraus ist ein ehrliches und differenziertes Porträt von Muslimen entstanden: Es sind Menschen auf der religiösen Suche, die im Islam Halt finden.