Es gibt Filme, die aus einer tiefen Verzweiflung heraus ihre Geschichte erzählen und ihre eigentliche Form entwickeln. Aus dem Leiden an der Welt und den ungerechten Verhältnissen entsteht beim Zuschauen das starke Bedürfnis, einen religiösen Ausweg zu suchen.
Eine solche leidende Figur zeigt der portugiesische Regisseur Pedro da Costa in seinem Film «Vitalina Varela». Vitalina ist eine Frau aus den Kapverden, die lange Jahrzehnte darauf gewartet hat, nach Lissabon zu fliegen und dort ihren Mann zu treffen. Sie kommt jedoch drei Tage zu spät und die Beerdigung hat bereits stattgefunden.
In einem ausdruckstarken Spiel von dunklen Szenen und schön ausgeleuchteten Gesichtern erleben die Zuschauer eine Form, die sich dem vollständigen Stillstand annähert. Vitalina Varela ist sowohl der Name der echten Darstellerin als auch der Titel des Films. Es ist ihre eigene Geschichte, die sie spielt. So bekommt der Film eine authentische Kraft. In ihrer Verzweiflung bleibt Vitalina stark in ihrem würdevollen Ausdruck.
Gestalterische Qualität – Tiefe der Erzählung
Die gestalterische Qualität des Films mit seinem ausdrucksstarken Hell-Dunkel-Kontrast deckt sich mit der menschlichen Tiefe der Erzählung. Das haben sowohl die Ökumenische Jury als auch die Internationale Jury erkannt und entsprechend mit Auszeichnungen am Filmfestival gewürdigt: dem Goldenen Leoparden für den besten Film, der Auszeichnung für die beste Hauptdarstellerin und eine lobende Erwähnung der Ökumenischen Jury.
«Maternal» – Madonna mit Kind
Den Hauptpreis der Ökumenischen Jury erhielt dieses Jahr der Film «Maternal», der die Mutterliebe in den Mittelpunkt stellt. Er wirft die Frage auf, ob die Heilige Familie ein Modell, ein Symbol oder ein verlorenes Ideal ist.
In einem argentinischen Kloster betreibt ein Frauenorden aus Italien ein Heim für alleinerziehende Mütter mit Kindern. Die beiden jungen Frauen Lu und Fati sind durch ihre Schwangerschaft plötzlich mit dem Ernst des Lebens konfrontiert, obwohl sie noch Teenager sind. Die Ordensfrauen unterstützen sie mit allem, was sie brauchen. Vor allem sind es die kleinen Kinder, die betreut werden müssen.
Mutterliebe einer Ordensfrau
Die junge Ordensfrau Paola trifft zu Beginn von «Maternal» im Kloster ein. Sie steht kurz vor ihren ewigen Gelübden. Angesichts der sozial fragilen Situation der Frauen im Heim engagiert sie sich stark für die Kinder. Als die Mutter eines Mädchens verschwindet, nimmt sie sich des Kindes an. Schwester Paola lebt ihre Mutterliebe in einer Form, die auf den ersten Blick erstaunt.
Selten hat ein Film das Thema der Mutterliebe so differenziert durchgespielt. Der Film zeigt die Liebe der Klosterfrau anstelle der leiblichen Mutter, und als Zuschauer assoziiert man in einigen Szenen das Bild der Madonna mit Kind.

Teenager-Mütter Lu und Fati mit Schwester Paola im Film «Maternal» (Bild: © Locarno Film Festival)