Saudische Dichterin ohne Nikab am Filmfestival Locarno

Hissa Hilal ist die erste Frau, die es in Abu Dhabi ins Finale der berühmten TV-Show «Poet der Millionen» geschafft hat. Für den Besuch der Premiere des ihr gewidmeten Dokumentarfilms am Filmfestival von Locarno legte sie angesichts des Tessiner Burkaverbots den Gesichtsschleier ab.

Die Dichterin Hissa Hilal auf dem Laufsteg der TV-Show «Poet der Millionen» in Abu Dhabi.
Sonst immer mit Nikab: Die Dichterin Hissa Hilal 2010 auf dem Laufsteg der TV-Show «Poet der Millionen» in Abu Dhabi. (Bild: Keystone/Epa Ali Haider)

«The Poetess» der deutschen Filmemacher Stefanie Brockhaus und Andreas Wolff feierte am Dienstag im Rahmen der Kritikerwoche am Filmfestival Locarno Weltpremiere – dies mit einer minutenlangen Standing Ovation für die Protagonistin aus Saudiarabien. Hissa Hilal sass mit ihren beiden unverschleierten Töchtern im Publikum und bedeckte selbst lediglich ihre Haare.

Im Film ist die 50-jährige Dichterin aus Riad nur mit der in ihrem Heimatland für Frauen obligatorischen Gesichtsverschleierung zu sehen. Auch die Millionen von Fernsehzuschauern in der Golfregion, welche 2010 die vierte Staffel der erfolgreichen Reality-TV-Show gebannt verfolgten, kennen nur Hilals braune Augen.

Mit Versen gegen umstrittene «Fatwas»

Angesicht der zahlreichen Drohungen, die sie seit ihren Fernsehauftritten erhalten hat, ist die Gesichtsverhüllung für Hilal zu einem Schutzschild geworden. Weltweit in die Schlagzeilen kam sie wegen ihrer mutigen Verse gegen die umstrittenen islamischen Rechtsgutachten «Fatwas» , worauf sie selber zur Zielscheibe von Todesdrohungen wurde.

In Locarno wurde das Premierenpublikum aufgefordert, das Fotografieren und Filmen zu unterlassen – da dies Hissa Hilal in ihrer Heimat in Bedrängnis bringen würde. Trotzdem zog sie sich den Schleier vors Gesicht, als sie zusammen mit den Regisseuren nach vorne trat, um Fragen zu beantworten.

Initiant des Burkaverbots ausgebuht

Prompt meldete sich im Publikum einer der Initianten des Tessiner Burkaverbotes zu Wort, um Hilal auf «diesen Widerspruch» aufmerksam zu machen, was im Kinosaal mit Buhrufen quittiert wurde. Sie schütze ihr Gesicht lediglich, um das Risiko zu vermeiden, von Journalisten fotografiert zu werden, antwortete Hilal.

Der Poetin sind Kleidervorschriften – ob religiös oder politisch motiviert – ohnehin suspekt. «Der Nikab hat einen soziokulturellen Hintergrund». Die Wüstenstämme ihrer Vorfahren hätten ihn als Schutz gegen Sonne und potentielle Entführer betrachtet. «Der Fehler ist, dass die Extremisten den Nikab für ihre Ziele nutzen.»

Religion als Kontrollinstrument

Überhaupt seien Formalitäten in der Religion heute viel zu wichtig geworden. «Wir sollten uns mehr auf das Spirituelle konzentrieren», sagte Hilal, die sich als leidenschaftliche Muslimin bezeichnet. «Die Religion ist aber eine Privatsache zwischen Gott und mir.»

Dies lasse sich nicht mit der Anzahl von Moschee-Besuchen oder Gebeten messen. Die Religion werde aber zunehmend dazu genutzt, «die Gesellschaft zu kontrollieren». Hilal wehrt sich auch gegen die Ausgrenzung der Frauen. «Für mich sind die Frauen die Seele der Gesellschaft. Isoliert man die Frauen, isoliert man die Seele einer Gesellschaft.» (sda)