Deutscher Kirchentag

Erster kompletter KI-Gottesdienst löst geteilte Reaktionen aus

400 Besucherinnen haben in Deutschland einen komplett auf künstlicher Intelligenz beruhenden Gottesdienst besucht. Der sei emotionslos gewesen, kritisierten manche.

Keine Orgel, kein Chor. Scheinwerfer statt Kerzen, Videoleinwand statt Kreuz – und kein Mensch im Altarraum: Anlässlich des evangelischen Kirchentags haben in Deutschland mehr als 400 Besucherinnen und Besucher einen komplett auf Künstlicher Intelligenz (KI) beruhenden Gottesdienst besucht. Bei der Premiere in der voll besetzten evangelischen St.-Paul-Kirche in Fürth bei Nürnberg hörten sie nicht nur Gebete und eine Predigt, die von ChatGPT erstellt wurde. Auch die Musik war eine KI-Komposition. Auf der Videoleinwand tauchten vor grünem Hintergrund Avatare auf, die Menschen nachempfunden waren.

«Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen», führte eine maschinengenerierte weibliche Stimme reichlich emotionslos in den etwa 40-minütigen Gottesdienst unter dem Motto «Alexa, starte den Gottesdienst» ein. Und liess dann gleich dozierend folgen: «Möge unsere gemeinsame Zeit fruchtbar, anregend und vor allem sinnvoll sein.»

«Möge die Weisheit meines Glaubens helfen»

Initiiert wurde das Experiment vom Wiener Theologen Jonas Simmerlein, der zum Thema Gottesdienst und KI forscht. Dafür hat er das KI-Programm ChatGPT im Internet vorhandene Daten aus aller Welt auslesen und kombinieren lassen. Woher genau die Inhalte kommen, ist nicht klar. Bei einer anschliessenden Podiumsdiskussion nannte Simmerlein als Quelle mit Augenzwinkern ein «Best-of-Kollektiv».

Die KI jedenfalls sagte Dinge, die in den Ohren der Zuhörenden positiv ankommen könnten. «Liebe Gemeinde, es ist mir eine Freude, als erste KI vor Ihnen zu stehen und zu Ihnen zu predigen», sprach ein Avatar, diesmal ein junger Mann mit schwarzer Hautfarbe. Im weiteren Verlauf empfahl er, aus Fehlern der Vergangenheit zu lernen, um wachsen zu können und KI ethisch-verantwortungsvoll einzusetzen. «Möge die Weisheit meines Glaubens dabei helfen, eine gerechtere Welt für alle zu bauen», so die Maschine. Das Publikum reagierte mit Lachen.

Die im Anschluss auch digital übermittelten Rückmeldungen aus dem Kreis der Besuchenden waren überwiegend kritisch: Zu unpersönlich, zu emotionslos, keine Bewegung im Altarraum, keine Atmosphäre, die Musik «wie im Fahrstuhl». «Die Gebetssprache ein einziges Geschwätz, der Ablauf ohne Dramaturgie, die wunderbare Kunst des Sprechens geht verloren, der Glaube funktionalisiert mit Aussagen wie 'du musst, du sollst'», kritisierte auch Melitta Müller-Hansen, Rundfunkbeauftragte der bayerischen Landeskirche. Zu der emotionslosen Stimmlage der Avatare sagte sie: «Die Kehle ist die Seele.»

Forscher sieht KI als nützliche Predigtassistenz

Doch es gab auch positive Stimmen. Es sei ein Experiment mit Potenzial, lobte die Theologin und Technikanthropologin Anna Puzio. Der Gottesdienst sei «eine coole Sache». Und der hölzerne Auftritt der Avatare? «Die werden sich verändern».

Auf dem Podium ging es auch um die Frage, wie die Künstliche Intelligenz reguliert werden kann, wo es Grenzen geben soll und muss. Projektleiter Simmerlein betonte, dass er die KI zunächst in einer assistierenden Rolle sehe. Der Sprachchat könnte als Predigtassistent fungieren: «Die Predigt ist ein Geschehen zwischen Prediger und Gemeinde – und das merken wir.» (epd/ eba)