Kirchen unter Druck

Reformationskollekte soll finanzielle Folgen der Pandemie abmildern

Der Corona-Lockdown und die Einschränkungen bei den Gottesdiensten liessen die Einnahmen bei den Kollekten empfindlich schrumpfen. Besonders hart getroffen sind Kirchgemeinden in Kantonen, die keine Kirchensteuer kennen. Ihnen will die Protestantische Solidarität Schweiz nun unter die Arme greifen.

Weniger Gottesdienstbesucher, kleinere Kollekten: Viele Kirchen leiden unter den finanziellen Folgen der Corona-Pandemie. (Bild: Keystone / Allessandro della Bella)

Die Reformationskollekte der Protestantischen Solidarität Schweiz (PSS) wird traditionell für ausgewählte Projekte verwendet. So wurde etwa 2019 Geld für die Sanierung der reformierten Kirche Einsiedeln gesammelt. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Erstmals sollen die Einnahmen aus der Sammlung vom 1. November mehreren Kirchen zugutekommen. «Mit dem Geld sollen reformierte Kirchgemeinden, Kantonalkirchen und Werke unterstützt werden, die wegen Covid-19-Massnahmen massive finanzielle Einbussen erlitten», heisst es im Aufruf der PSS.

Teurer Religionsunterricht

Besonders betroffen von der Pandemie sind Kirchgemeinden in Kantonen, in denen es keine obligatorische Kirchensteuer gibt. Sie sind angewiesen auf Spenden oder Kollekten, die wegen der Corona-Regelungen jedoch stark zurückgegangen sind. Dies sei zum Beispiel im Tessin und in einigen Kantonen in der Westschweiz der Fall, sagt Andreas Hess vom PSS-Vorstand. «Mit den Kollekten werden unter anderem der Religionsunterricht und kirchliche Aktivitäten wie Seniorentreffen oder Kinderlager finanziert. Dieses Geld fehlt nun.»

Die Chiesa riformata evangelica in Ticino zum Beispiel finanziert die Löhne ihrer Mitarbeitenden aus freiwilligen Mitgliederbeiträgen. Den Religionsunterricht, die kirchliche Arbeit und den Unterhalt der Gebäude müssen die Gemeinden hingegen aus den Kollekten bestreiten. Aufgrund des Corona-Lockdowns im Frühjahr klafft dort nun ein grosses Loch.

Die Protestantische Solidarität Schweiz (PSS)

Das Jahr 2018 markierte für die Protestantische Solidarität Schweiz (PSS) das Ende einer Ära: Nach 176 Jahren wurde der Verein, der 1842 in Basel unter dem Namen «Protestantisch-kirchlicher Hülfsverein» gegründet wurde, aufgelöst. Seither übernimmt eine Konferenz der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) die Aufgaben der PSS.

Zweck der Konferenz ist es, Geld zu sammeln «für die Umsetzung von kirchlichen Projekten in der Diaspora», heisst es in der Verordnung der EKS. Dabei sollen die geförderten Projekte die Präsenz des reformierten Glaubens stärken.

Auch die Reformationskollekte wird neu von der Konferenz erhoben. Sie ist die älteste und einzige in allen evangelisch-reformierten Landeskirchen der Schweiz gleichzeitig erhobene Kollekte. Gesammelt wird das Geld jeweils am ersten Sonntag im November. (vbu)

In der Kirchgemeinde Locarno und Umgebung belaufen sich die Mindereinnahmen auf rund 20'000 Franken. «Zwischen März und Juni konnten wir lediglich Online-Gottesdienste anbieten, aber auch danach kamen aus Angst vor Corona weniger Leute in die Kirche», sagt Pfarrer Markus Erny. Teuer sei insbesondere der Religionsunterricht. «Wir haben auf unserem Gemeindegebiet mehrere Schulhäuser mit jeweils ein paar reformierten Schülern. Das kostet natürlich.» Die Kirchgemeinde ist deshalb zu ersten Sparmassnahmen gezwungen. So werden Unterhaltsarbeiten an den Gebäuden vorläufig zurückgestellt.

Ähnlich kritisch ist die Situation in den Kirchgemeinden des Kantons Neuenburg. Pfarrer Florian Schubert rechnet für seine Gemeinde Neuenburg mit Mindereinnahmen von mindestens 50'000 Franken. Eine wichtige Einnahmenquelle für die Kirche sind die Kollekten bei Beerdigungen. «Aufgrund der zeitweiligen Beschränkungen auf zehn Personen ist dieses Jahr deutlich weniger Geld zusammengekommen», sagt Schubert.

Gesuche bis Ende Januar

Zu einschneidenden Sparmassnahmen muss die Kirchgemeinde derzeit zwar noch nicht greifen. Schubert befürchtet aber, dass sich die Lage zuspitzen könnte. In der Neuenburger Kirche gibt es eine freiwillige Kirchensteuer, die an die Höhe des Einkommens gebunden ist. «Weil die Leute wegen Corona weniger verdient haben, fällt auch der Beitrag an die Kirche deutlich kleiner aus», sagt Schubert. Wie stark die Einnahmen effektiv zurückgegangen sind, wird sich allerdings erst in der Jahresrechnung zeigen.

Die neuen bundesrätlichen Massnahmen vom 28. Oktober könnten die Situation von vielen Kirchen zusätzlich verschärfen. Betroffene Kirchgemeinden, Kantonalkirchen und Werke können deshalb bei der PSS bis Ende Januar 2021 ein Gesuch um Unterstützung einreichen.