Refine 2025

Eine Million Franken Defizit beim ersten reformierten Jugendfestival

Im letzten Herbst lockte das Refine fast 2000 Jugendliche nach Zürich. Ein Erfolg zu einem hohen Preis: Das Defizit war viermal höher als budgetiert. Die Zürcher Synode übte deshalb deutliche Kritik am Projektmanagement, stellte sich aber hinter den Anlass.
Während der Diskussion der Synode stellte niemand den Anlass per se in Frage: Das Refine fand 2025 zum ersten Mal statt, 2027 soll die nächste Ausgabe in Basel folgen.
(Bild: Refine)

Es war ein Experiment mit Pioniercharakter für die reformierten Landeskirchen: Letzten Herbst feierte das dreitägige, überkantonale Jugendfestival Refine in Zürich Premiere. Der Anlass war laut den Veranstaltern und Rückmeldungen von Jugendlichen ein Erfolg. Finanziell endete er jedoch in einem Debakel, das die Zürcher Synode am Dienstag noch einmal intensiv beschäftigte.

Rund 2100 Tickets wurden verkauft, davon knapp 1700 an Minderjährige. Der Samstag war ausverkauft. An 50 Workshops zu Glaubensfragen, Alltagsthemen und Kreativität nahmen über 1200 Jugendliche teil. Der Zürcher Kirchenrat bilanziert deshalb: «Die Ziele wurden erreicht.» Man habe Beteiligungsmöglichkeiten für junge Menschen geschaffen und eine offene Kirche auf einem reformierten Festival erlebbar gemacht.

Einnahmen überschätzt, Kosten unterschätzt

Den positiven Erinnerungen steht jedoch ein Defizit von rund einer Million Franken gegenüber, das die Zürcher Landeskirche decken musste. Im Budget war man noch von 250'000 Franken Defizit ausgegangen. Ein 2024 gesprochener Rahmenkredit in der Höhe von 771'000 Franken sollte «allfällige Fehlbeträge» auffangen. Da dies aber nicht ausreichte, musste die Synode über einen Nachtragskredit von knapp 200'000 Franken beraten. Die Finanzkommission beantragte im Vorfeld der Synode dessen Ablehnung.

Eine Evaluation der Projektleitung der Gesamtkirchlichen Dienste (GKD) benennt die Ursachen für das Finanzloch: überschätzte Einnahmen und explodierende Kosten. Eine Fundraisingagentur generierte keine Einnahmen (statt der erwarteten 200'000 Franken), zudem blieb der Verkauf von Artikeln (Merchandise und Essen) weit unter Budget. Man nahm knapp 1000 statt wie budgetiert 116'000 Franken ein.

Gleichzeitig lagen die Kosten für Infrastruktur, Technik und Personal deutlich höher als erwartet. Einer der Gründe: Die ursprünglich für die Durchführung des Anlasses vorgesehene Saalsporthalle war nicht verbindlich reserviert worden. Alleine der Wechsel nach Oerlikon und eine Anpassung des Caterings verursachten Mehrkosten von 165'000 Franken.

Wissensverlust, Missverständnisse, fehlende Abstimmung

Wie konnte es dazu kommen? Eine der zentralen Ursachen war laut der Evaluation ein Wechsel in der Projektleitung. «Diese Zäsur führte zu einem Wissensverlust, Mehraufwand und Verzögerungen, was sich auf die gesamte Planungsphase auswirkte», heisst im Bericht.

Da die Kirche keine Erfahrung in der Planung eines Anlasses dieser Grösse hatte, zog man eine externe Eventagentur bei. Diese Zusammenarbeit war ein «kritischer Faktor». «Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortung waren ungenügend geklärt.» Wegen einer teilweise schwierigen Kommunikation hätten sich immer wieder Missverständnisse ergeben. «Entscheidungen wurden teilweise ohne ausreichende Abstimmung getroffen.»

Auch die strategische Rolle des Trägervereins Deutschschweizer Jugendkirchentag als Werber und Vernetzer sei unter den Erwartungen geblieben. Kirchgemeinden wurden nicht einheitlich in den Anlass eingebunden. «Während einige sich stark engagierten, fühlten sich andere übergangen oder nicht ausreichend informiert.» Auch der Einbezug der Jugendlichen in die Programmplanung sei ausbaufähig.

Lob für das Festival, Kritik am Management

In der Debatte am Dienstag betonten mehrere Synodale die Wichtigkeit des reformierten Jugendanlasses. Finanzkommissionspräsidentin Bettina Diener sprach von einer «sehr gelungenen Party mit enormer Ausstrahlungskraft», der jedoch ein «fader Nachgeschmack» anhafte. Die Fehler lägen vor allem beim Projektmanagement, beim Controlling, bei der Kommunikation und bei der Vergabe von Aufträgen.

Besonders kritisch beurteilte die Finanzkommission, dass der Kirchenrat zu wenig eng eingebunden gewesen sei und das Finanzcontrolling ausgelagert worden sei. Dadurch sei beispielsweise die Mehrwertsteuer in Berechnungen vergessen gegangen.

Diener kritisierte zudem als «besonders störend», dass zum Zeitpunkt der Kreditbewilligung durch die Synode im Jahr 2024 der GKD bereits klar gewesen sei, dass das Projekt in Schieflage geraten war. Die Finanzkommission hatte damals bereits von einem «undifferenzierten Budget» gesprochen und scheiterte mit einem Antrag, den Rahmenkredit von 771'000 auf 600'000 Franken zu beschränken.

Vorstoss will Erkenntnisse aus Fehlern überprüfen

Kirchenrat Bruno Kleeb räumte die Fehler ein. Als Hauptursachen nannte er fehlende Erfahrung bei Grossanlässen, eine zu wenig enge Führung des Projekts und die ungenügende Einbindung der Kirchgemeinden. Eine Aufarbeitung sei im Gange. «Es handelt sich aber um Probleme innerhalb dieses Projektes», betonte Kleeb. Das Controlling und die internen Abläufe innerhalb der GKD und dem Kirchenrat würden funktionieren. Ein Postulat, das die aus den Refine-Fehlern abgeleiteten Massnahmen überprüfen will, sei nicht nötig.

Kleeb warnte davor, durch die Kritik an den Kosten die positiven Wirkungen des Festivals zu trüben. «Das Festival war nicht perfekt, aber es war wertvoll und hatte Ausstrahlung», sagte er.

Eine grundsätzliche Kritik an der Durchführung des Festivals war in der Synode nicht zu spüren. Nathalie Nüesch von der Geschäftsprüfungskommission sprach von einer «kollektiven Katerstimmung». Gleichzeitig sei aber noch immer «die Glut der Begeisterung dreier fulminanter Festivaltage» spürbar. Sie würdigte insbesondere den Einsatz eines Notfallteams, das das Festival unter schwierigen Bedingungen zur erfolgreichen Durchführung gebracht habe.

«Die hätten die Beine meines Bürostuhls abgesägt»

Mehrere Synodale betonten, dass Investitionen in Jugendliche grundsätzlich richtig seien. Die liberale Fraktionspräsidentin Ruth Derrer Balladore sprach von einem «bitteren Lehrgeld», begrüsste aber den Mut zu einem neuen Format. Johannes Keller argumentierte, man habe lange gefordert, mehr für junge Menschen zu tun. «Jetzt haben wir Geld in junge Erwachsene investiert. Ich wünsche mir eine Kirche, die sagt: Jeder Franken, den wir in junge Erwachsene investieren, ist es uns wert.»

Kritischer war dagegen Heinrich Brändli, Fraktionspräsident des Synodalvereins. «Einmal mehr zeigt es sich, dass mit unseren Geldern leider ein bisschen sehr sorglos umgegangen wird.» Das sei schade, aber irgendwie fast logisch. «Wir bekommen das Geld ja einfach.» Als ehemaliger Geschäftsführer einer Eventfirma mit Projekten in Millionenhöhe sagte er: «Hätte ich jemals das Budget so überzogen wie beim Refine und erst danach gewarnt: Die Aktionäre hätten mit Sicherheit die Beine meines Bürostuhls abgesägt.» Ob bei der Kirche wirklich Einsicht vorhanden sei? «Wir sind uns nicht so sicher.»

Andere warnten vor einer Verklärung des Projekts. Thomas Villwock unterschied zwischen einem mutigen Wagnis und einem Projekt, in das man «sehenden Auges hineinschlittert». Sein Eindruck sei Letzteres gewesen. Nun brauche es klare Regeln und Reissleinen für künftige Grossprojekte, um ein solches «Desaster» künftig zu verhindern.

Politisches Signal ohne praktische Folgen

Auch die tatsächliche Wirkung des Festivals wurde hinterfragt. Gerda Zbinden regte an, differenziert hinzuschauen. Die oft zitierte «Ausstrahlungskraft» müsse künftig genauer belegt werden. Inhaltlich wurden Stimmen laut, die eine stärkere Einbindung der Jugendlichen forderten. Kirchenrat Kleeb sagte, die Wirkung werde sich erst mit der Zeit zeigen. «Wir hoffen, dass wir mit dem Start die Basis legen konnten und die nächste Ausgabe von motivierten Jugendlichen profitieren kann.»

Am Ende folgte die Synode den kritischen Stimmen. Ein Antrag des Kirchenrats, den Bericht zum Refine «zustimmend» zur Kenntnis zu nehmen, lehnte sie mit 82 von 103 Stimmen deutlich ab. Auch der Nachtragskredit wurde mit 64 zu 31 Stimmen verworfen. Praktische Folgen hat dies allerdings nicht: Die Rechnungen sind bereits bezahlt. Die Ablehnung gilt als politisches Unmutsbekenntnis.

Das nächste Refine soll im November 2027 in Arlesheim BL stattfinden. Beteiligt sind auch die evangelisch-reformierten Kirchen der Kantone Solothurn und Aargau. Ein Erfahrungsaustausch mit der Zürcher Landeskirche fand kurz nach dem ersten Refine statt.

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