Menschenhandel

«Opfer werden häufig dorthin zurückgeschickt, wo sie ausgebeutet wurden»

Fachstellen in der Schweiz melden eine starke Zunahme an Opfern von Menschenhandel. Doro Winkler von der Fachstelle FIZ kritisiert, wie die Schweiz mit ihnen umgeht.

Im Jahr 2019 lag die Zahl der neu identifizierten Opfer von Menschenhandel noch bei 142. Zwei Jahre später waren es bereits 492. Das teilte das Netzwerk Plateforme Traite am Dienstag, 18. Oktober, mit.

Die Zunahme um über 50 Prozent innerhalb von bloss drei Jahren hat einerseits damit zu tun, dass die Problematik bekannter geworden ist. Es würden gezielt Mitarbeitende im Asylwesen, bei der Polizei und im Sozial- und Gesundheitsbereich sensibilisiert, heisst es im Communiqué. Anderereseits könnte es aber auch tatsächlich mehr Opfer von Menschenhandel geben, warnte die Organisation.

«Der Klimawandel, Kriege oder andere Krisen vertreiben die Menschen.»
Doro Winkler, Fachstelle FIZ

Dies ist auch der Eindruck von Doro Winkler von der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration aus Zürich (FIZ), einer der vier Organisationen des Netzwerks. Auf Anfrage sagt sie, dass verschiedene Faktoren die Situation verschärft haben dürften. «Der Klimawandel, Kriege oder andere Krisen vertreiben die Menschen», sagt Winkler. Zudem würden sich durch die Pandemie mehr Menschen in einer wirtschaftlich prekären Situation befinden, was Ausbeutung begünstige.

Am Anfang machten sich die späteren Opfer von Menschenhandel meistens aus eigenem Antrieb auf den Weg – auf der Suche nach einem Einkommen. Danach könnten Schulden von der Flucht, geschlossene Grenzen, fehlende Aufenthaltsbewilligung, soziale Isolation und Unkenntnis über die eigenen Rechte Gründe sein, warum die Menschen unter Druck geraten und sich in einer Ausbeutungssituation wiederfinden. Denn andere würden Profit aus dieser Situation schlagen.

Zumindest teilweise dürften die stark gestiegenen Zahlen aber auch ein Zeichen des Erfolgs der Fachstellen sein: «Wir sind immer besser vernetzt und sensibilisieren in Schulungen für Ausbeutungssituationen», sagt Winkler. Um Opfer von Menschenhandel zu erkennen, sind die Fachleute auf Drittpersonen, etwa Polizistinnen oder Sozialarbeiter, angewiesen. Wer als Opfer von Menschenhandel bezeichnet wird, wird aufgrund in der Europarats-Konvention festgelegter Kriterien bestimmt.

Vor allem Frauen betroffen

Die eben publizierten Zahlen zeigen auch, dass 81 Prozent der von Menschenhandel Betroffenen Frauen sind. Die wichtigsten Herkunftsländer von Opfern waren Nigeria, Brasilien, Rumänien und Ungarn. 40 Prozent der Opfer stammten aus afrikanischen Ländern, 30 Prozent aus europäischen, der Rest aus Asien und Lateinamerika.

Das Sexgewerbe spielt nach wie vor eine Hauptrolle: Rund zwei Drittel der neu identifizierten Opfer von Menschenhandel wurden sexuell ausgebeutet. Die anderen Betroffenen seien unter anderem als Arbeitskräfte in Haushalten, in der Gastronomie oder auf dem Bau ausgebeutet oder zum Betteln oder Stehlen gezwungen worden.

«Asylsuchende erhalten weniger Unterstützung bezüglich Menschenhandel als Betroffene, die nicht im Asylverfahren stecken.»
Doro Winkler, Fachstelle FIZ

Winkler ist in ihrer Arbeit auf der Fachstelle ausserdem aufgefallen, dass sich die Fluchtrouten verändern. Kamen Betroffene lange zum Beispiel über Griechenland oder Italien in die Schweiz, geschehe dies heute auch über andere Länder wie die Türkei.

Winkler kritisiert, dass das strenge Asylsystem in der Schweiz die Arbeit der Fachstelle erschwere: «Opfer von Menschenhandel werden häufig dorthin zurückgeschickt, wo sie ausgebeutet wurden.» Asylsuchende würden weit weniger Unterstützung erhalten bezüglich Menschenhandel als Betroffene, die nicht im Asylverfahren stecken. Mit dem von der reformierten Kirche mitfinanzierten Projekt Menschenhandel und Asyl versucht die Fachstelle, diesbezüglich Verbesserungen zu erreichen. (sda/eba)