Frankreich
Aus Büros werden Schlafplätze für Obdachlose
Eine Nacht im Winter 2017. Pierre-Yves Loaëc und seine Frau sind auf dem Heimweg von einem Abendessen bei Freunden. Diese haben einen Flüchtling bei sich aufgenommen. Loaëc kann sich Gleiches nicht vorstellen. «Ich fand es zu aufdringlich, jemanden bei uns zu Hause, in unserer Familie und unserem Haus aufzunehmen, ich fühlte mich nicht bereit», schildert er später.
Doch Loaëc hat eine andere Idee. Denn jeweils morgens und abends begegnet er einer Frau, die auf dem Lüftungsschacht des Parkplatzes seines Büros schläft. Loaëc ist Inhaber einer Kommunikationsagentur im Zentrum von Nantes. Er überlegt: Wie wäre es, wenn Obdachlose in all den Büros übernachten könnten, die nachts leer stehen?
Daraufhin trommelt er befreundete Unternehmer zusammen. Gemeinsam klären sie alle rechtlichen Fragen und wie sie Mitarbeitende einbinden. Zwei Jahre später ist das Netzwerk «Bureaux du coeur» geboren. Auch lokale Hilfsorganisationen beteiligen sich.
Heute stellen 260 Firmen in rund 30 französischen Städten ihre Büros zur Verfügung – Tendenz steigend. Im Rahmen des Projekts wird auch versucht, die Obdachlosen wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren.
Gemäss den Initianten ist das Projekt ein Erfolg. Fast 90 Prozent der Teilnehmenden würden wieder einen Job und eine Unterkunft finden. Nun soll die Idee expandieren. In Lissabon, Barcelona und Brüssel gibt es bereits erste Partnerfirmen.
Dass «Bureaux du cœur» auch in anderen Ländern funktioniert, ist allerdings nicht gesagt. Unter anderem stellen sich viele rechtliche Fragen, etwa inwieweit Büroräume zu Wohnzwecken verwendet werden dürfen. Zudem darf in Frankreich nicht teilnehmen, wer drogen- oder alkoholsüchtig ist oder schwere psychische Probleme hat – Voraussetzungen, die viele Obdachlose nicht erfüllen.
Eines aber zeigt das Beispiel aus Nantes eindrücklich: Wenn Eigentümer, Hausverwaltungen, Behörden und Hilfsorganisationen engagiert zusammenarbeiten, gibt es zumindest für bürokratische Hürden Lösungen.