Noch nie so viele Kirchenaustritte in Deutschland

Der Trend in Deutschland ist deutlich: Die Kirchen verlieren immer mehr Mitglieder. In diesem Jahr stieg die Zahl der Kirchenaustritte sogar auf einen historischen Stand. Erstmals seit 2010 traten wieder mehr Katholiken aus als Protestanten.


Der Mitgliederschwund in der evangelischen und katholischen Kirche beschleunigt sich. Mehr als 800’000 Mitglieder verloren die beiden grossen christlichen Kirchen im vergangenen Jahr. Das zeigen die Mitgliederstatistiken der katholischen Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für 2019, die am 26. Juni veröffentlicht wurden. 2018 war es in der Summe ein Verlust von 704’000 Mitgliedern. Doch immer noch gehört mehr als jeder zweite Deutsche einer dieser beiden christlichen Konfessionen an.

An diesen Zahlen sei nichts schönzureden, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing. Ihn wie auch seinen Amtskollegen, den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, schmerzt vor allem die hohe Zahl der Kirchenaustritte. Sie sind neben den Sterbefällen der Grund für den Mitgliederschwund. Mehr als eine halbe Million Menschen, so viele wie nie zuvor, verliessen im Jahr 2019 die Kirche.

EKD will Zahlen untersuchen

Auf Basis der gemeldeten vorläufigen Zahlen aus den 20 evangelischen Landeskirchen traten etwa 270’000 Menschen aus der Kirche aus. Das sind rund 22 Prozent mehr als im Vorjahr, teilte die EKD mit. Wie schon 2018 verstarben auch 2019 rund 340’000 Kirchenmitglieder. Die EKD kündigte an, die erhöhten Austrittszahlen vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD untersuchen lassen zu wollen.

Noch mehr Menschen traten 2019 aus der katholischen Kirche aus: Mehr als 272’700 annullierten ihre Mitgliedschaft – ein Anstieg von 26,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Austrittsrate stieg auf über 1,2 Prozent. So hoch war sie noch nie, sagte der Münsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack dem Evangelischen Pressedienst (epd). Erstmals seit dem Jahr 2010, in dem der Missbrauchsskandal bekanntwurde, gab es wieder mehr Kirchenaustritte bei den Katholiken als bei den Protestanten.

Taufen und Aufnahmen sanken bei Katholiken

Die Zahl der Austritte und Todesfälle lässt sich nicht durch Taufen oder Wiedereintritte kompensieren. Doch während die Zahl der Taufen und Aufnahmen sich bei den Protestanten im Vergleich zum Vorjahr in etwa gleich blieb, sanken beide Zahlen bei den Katholiken deutlich.

Rund 20,7 Millionen Menschen waren zum Stichtag 31. Dezember 2019 Mitglied in einer der 20 Landeskirchen der EKD, teilte die EKD mit. Das waren rund zwei Prozent weniger als im Vorjahr (21,1 Millionen). Das entspricht einem Bevölkerungsanteil von rund 24,9 Prozent. Der katholischen Kirche gehörten 2019 22,6 Millionen Menschen in Deutschland an. Sie verlor rund 1,7 Prozent ihrer Mitglieder im Vergleich zu 2018 (23,0 Millionen). 27,2 Prozent der Deutschen sind den Angaben zufolge katholisch. (epd/mos)