Noch nie gab es weltweit so viele Flüchtlinge

Angesichts der neuesten Zahlen wirft das Flüchtlingshilfswerk UNHCR den westlichen Ländern mangelnde Solidarität vor. Eine Ausnahme sei Deutschland.


Weltweit gibt es so viele Flüchtlinge und Vertriebene wie nie zuvor in der fast 70-jährigen Geschichte des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Ende vergangenen Jahres lebten 70,8 Millionen Menschen fern ihrer Heimat, die vor Gewalt, Konflikten, Verfolgung oder Menschenrechtsverletzungen geflohen waren, wie die Organisation am 19. Juni in Genf berichtete. Ein Jahr zuvor hatte das UNHCR die Gesamtzahl noch auf 68,5 Millionen Menschen geschätzt.

Fehlende Solidarität der westlichen Länder

Mehr als die Hälfte der Flüchtlinge war dabei innerhalb des eigenen Landes vertrieben worden. Fast 30 Millionen mussten über die Landesgrenzen fliehen und vier von fünf kamen in Nachbarländern unter, nicht in Europa oder den USA. Die grösste Bürde trügen daher nicht die westlichen Länder, sagte der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, Filippo Grandi. Dies obwohl viele Politiker im Westen von einer Krise sprächen, die nicht mehr zu bewältigen sei. Reiche Länder haben nach UNHCR Angaben zusammen nur 16 Prozent der Flüchtlinge aufgenommen. Ein Drittel der Flüchtlinge weltweit habe hingegen Zuflucht in den ärmsten Ländern gefunden. Angesichts dieser Situation sprach Grandi von einer «Krise der Solidarität».

Lob für Deutschland

Eine Ausnahme unter den westlichen Ländern sei die Bundesrepublik: «Deutschland ist ein Modell, das andere Länder kopieren sollten», sagte Grandi. «Das Land hat Geld in die Integration gesteckt und es widerlegt, dass diese Krise nicht zu managen ist.» Bundeskanzlerin Angela Merkel habe zwar vielleicht einen hohen Preis für ihre Politik gezahlt. «Aber die Geschichte wird darüber urteilen, und ihre Politik wird als positiv in die Geschichte eingehen», sagte der UNHCR-Chef.

Unter den fünf Ländern mit den meisten Flüchtlingen ist Deutschland demnach das einzige westliche Land. In Deutschland gab es Ende vergangenen Jahres 1,1 Millionen anerkannte Flüchtlinge sowie rund 370’000 Asylsuchende, über deren Fälle noch nicht entschieden war. Mehr Flüchtlinge gab es nur in der Türkei (3,7 Millionen) sowie in Pakistan, Uganda und dem Sudan.

Aus Venezuela kommen die meisten Flüchtlinge

Die Zahl der neuen Asylanträge von Venezolanern ist nach UNHCR-Angaben auf 350’000 explodiert. Das sind mehr als drei mal so viele wie im Jahr davor. Venezolaner machten damit ein Fünftel aller neuen Anträge weltweit aus, und sie waren mit Abstand die grösste Gruppe von Asylsuchenden, gefolgt von Afghanen und Syrern. Weltweit die meisten neuen Asylanträge wurden wie im Jahr davor in den USA gestellt, nämlich gut 250’000. Auf dem zweiten Platz folgt Peru wegen des Andrangs von Venezolanern, gefolgt von Deutschland, so das UNHCR. Hier kamen die meisten neuen Anträge von Syrern, Irakern und Iranern. (sda/no)