Nichts mehr wie vorher
Am frühen Morgen des 24. Februar 2022 rollten russische Panzer in die Ukraine. Es war der Beginn eines zermürbenden Krieges, der bis heute andauert und Millionen von Ukrainerinnen und Ukrainern in die Flucht trieb. Viele von ihnen fanden in den unmittelbaren Nachbarländern Aufnahme, andere flohen nach Deutschland, Frankreich oder in die Schweiz.
Unter ihnen war auch die damals 14-jährige Sofia. Gemeinsam mit ihrer Mutter und der jüngeren Schwester hatte sie kurz nach Kriegsbeginn ihr Heimatdorf bei Odessa verlassen und war über Rumänien und Bulgarien in die Schweiz gekommen. Ihre persönliche Fluchterfahrung hat die Schülerin in einem Tagebuch festgehalten, das nun unter dem Pseudonym «
«Ballet mental» ist ein schmales Büchlein, das dennoch einen Eindruck davon vermittelt, wie es ist, über Nacht aus seinem vertrauten Umfeld gerissen zu werden und sich in der Fremde zurechtfinden zu müssen. Wie in einem «schlechten Traum» erlebt die Autorin die ersten Tage des Krieges. Am Morgen des 24. Februar erhält sie auf ihrem Handy eine Nachricht ihres Lehrers, der die Schüler dazu auffordert, zuhause zu bleiben und «stark zu sein». Erst auf Nachfragen erschliesst sich ihr, was diese Nachricht bedeutet. «Die Militäroperation hat begonnen», schreibt der Lehrer zurück. Das Undenkbare ist zur Realität geworden.
Leben im Provisorium
Die folgenden Tage vergehen in Angst und Ungewissheit. In der Ferne sind Sirenen und das Donnern der Geschütze zu hören. Niemand weiss, wie lange der Krieg dauern wird. Ein paar Tage? Einen Monat vielleicht? Schliesslich entscheidet sich die
Im April gelangt die Familie durch Vermittlung einer Freundin der Mutter schliesslich in die Schweiz. In Biel bezieht man eine Wohnung, und Sofia kann die Schule besuchen. Als «schön und ruhig» empfindet sie die Schweiz, in einem Tagebucheintrag drückt sie ihre Dankbarkeit aus. Zugleich sind da aber das Heimweh und das Gefühl, ihren Platz nicht zu finden. «Jeden Tag habe ich grössere Lust, nach Hause zurückzukehren, aber ich beginne mich an die Schweiz zu gewöhnen. Es ist cool hier. Doch der Gedanke an zuhause ist stärker.»
Zerrissen zwischen der Schweiz und der Heimat
Es ist eine Achterbahn der Gefühle, die Sofia erlebt, sie ist hin- und hergerissen zwischen der Sehnsucht nach der Heimat und dem Wunsch, in der Fremde Fuss zu fassen. Doch für jugendliche Unbeschwertheit ist kaum Platz, zu drängend sind die Gedanken an die Schrecken des Krieges. «Und jeder Tag ist so düster», heisst es einmal. «In meinem Kopf herrschen nur noch Chaos und Kummer».
«Ballet mental» zeigt, wie traumatisch Fluchterfahrungen für Kinder und Jugendliche sein können, auch wenn sie, wie Sofia, am neuen Ort in einem sicheren Umfeld sind. Ähnliche Erfahrungen wie die Autorin haben Hundertausende von geflüchteten Minderjährigen gemacht, für die nichts mehr wie vorher ist. Auch ihnen hat Sofi Matthew mit ihrem Büchlein eine Stimme gegeben.
Sofi Matthew: «Ballet mental». Editions Torticolis et Frères, La Chaux-de-Fonds 2023; 74 Seiten; 17.90 Franken.